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Abhandlungen über die Fabel.
Nein Wider ihn selbst habe ich nichts; aber wider seine Nach-ahmer; wider seine blinden Verehrer! Ä.a Fontaine kannte dieAlten zn gut, als daß er nicht hätte wissen sollen, was ihreMuster und die Natur zu einer vollkommenen Fabel erforderten.Er wußte es, daß die Kurze die Seele der Fabel sey; er ge-stand es zu, daß es ihr vornehmster Schmuck sey, ganz undgar keinen Schmuck zu haben. Er bekannte" mit der liebens-würdigsten Aufrichtigkeit, „daß man die zierliche Präcision und„die außerordentliche Kürze, durch die sich Phädrns so sehr„empfehle, in seinen Fabeln nicht finden werde. Es wären„dieses Eigenschaften, die zu erreichen, ihn seine Sprache zum„Theil verhindert hätte; und bloß deswegen, weil er den Phä-„drus darin» nicht nachahmen können, habe er geglaubt,„yu'il lalloit on rocomnonlo vAa^or I'c»uvr»AlZ ^ilus «niil n a lait.Alle die Lustigkeit, sagt er, durch die ich meine Fabeln aufge-stützt habe, soll weiter nichts als eine ctwanigc Schadloshaltungfür wesentlichere Schönheiten seyn, die ich ihnen zu ertheilenzu unvermögend gewesen bin. — Welch Bekenntniß! Zn mei-nen Augen macht ihm dieses Bekenntniß mehr Ehre, als ihmalle seine Fabeln machen! Aber wie wunderbar ward es vondem französischen Publico aufgenommen! Es glaubte, la Fon-taine wolle ein blosses Eomplimcnt machen, und hielt die Schad-loshaltung unendlich höher, als das, wofür sie geleistet war.Kaum konnte es auch anders seyn; denn die Schadloshaltunghatte allzuviel rcitzcndcs für Franzosen, bey welchen nichts überdie Lustigkeit gehet. Ein witziger Kopf unter ihnen, der her-nach das Unglück hatte, hundert Zahr witzig zu bleiben**,meinte so gar, la Fontaine habe sich aus blosser Albernheit(par kotilo) dem Phävrus nachgesetzt; und Se la Motte schrieüber diesen Einfall: mot pUllt-int, in-üs loliilo!
Unterdessen, da la Fontaine seine lustige Schwazhaftigkcit,durch ein so grosses Muster als ihm PhaSrus schien, verdammtglaubte, wollte er doch nicht ganz ohne Bedeckung von Seitendes Alterthums bleiben. Er setzte also hinzu: „Und meinen„Fabeln diese Lustigkeit zu ertheilen, habe ich um so viel eher
° Zu der Vorrede zu sciucu Fabel»." Foutcucltc,