412 Abhandlungen über die Fabel.
hier den la Fontaine anführet! Fontaine legt cs cinei» ganzandern Kunstrichtcr in den Mund, daß die Kurze die Seeleder Fabel sey, oder spricht cs vielmehr in seiner eigenen Person;er beruft sich nicht wegen der Kürze, sondern wegen der Mun-terkeit, die in den Erzchlungcn herrschen solle, auf das Zeug-niß des Äm'ntilians, und würde sich wegen jener sehr schlechtauf ihn berufen haben, weil man jenen Ausspruch nirgend beyihm findet.
Ich komme auf die Sache selbst zurück. Der allgemeineBeyfall, den la Fontaine mit seiner muntern Art zu crzchlcnerhielt, machte, daß man nach und nach die acsopischc Fabelvon einer ganz andern Seite betrachtete, als sie die Alten be-trachtet hatten. Bey den Alten gehörte die Fabel zu dem Ge-biethe der Philosophie, und aus diesem höhlten sie die Lehrerder Redekunst in das ihrige herüber. Aristoteles hat nicht inseiner Dichtkunst, sondern in seiner Rhetorik davon gehandelt;und was Aphrhonius und iLhcon davon sagen, das sagen siegleichfalls in Vorübungen der Rhetorik. Auch bey den Neuernmuß man das, was man von der acsopischc» Fabel wissen will,durchaus in Rhetoriken suchen; bis auf die Zcitcn des la Fon-taine. Ihm gclang cs die Fabel zu einem anmuthigcn poeti-schen Spiclwcrkc zu machen; er bczaubcrtc; er bekam eine MengeNachahmer, die den Namen eines Dichters nicht wohlfcilcrcrhaltcn zu könncn glaubten, als durch solche in lustigen Versenausgedehnte und gewasserte Fabeln; die Lehrer der Dichtkunstgriffen zu; die Lehrer der Redekunst liessen den Eingriff gesche-hen; diese horten auf, die Fabel als ein sicheres Mittel zurlebendigen Ueberzeugung anzupreisen; und jene singen dafür an,sie als ein Kinderspiel zu betrachten, das sie so viel als mög-lich auszuputzcn, uns lehren inüßtcn. — So stehen wir noch! —
Ein Mann, der aus der Schule der Alten kömmt, wo ihmjene x;>,lc-rp>6t« cxxcxT'cxo'-ix^c,-; der Fabel so oft empfohlen worden,kann der wissen, woran er ist, wenn er z. E. bey dem Zdat-tcux ein langes Verzeichnis; von Zicrrathcn liefet, deren die Er-zchlung dcr Fabcl fähig seyn soll? Er muß voller Verwunde-rung fragen: so hat sich denn bey den Neuern ganz das Wcscn