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Zur Geschichte und Litteratur. Dritter Beytrag.
Religion zu bestreiken; und doch geduldet seyn. Sie wollen dieFreyheit haben, den Gott der Christen zu verlachen; und dochgeduldet seyn. Das ist freylich ein wenig viel: und ganz gewißmehr, als ihren vermeinten Vorgängern in der alten jüdischenKirche erlaubt war. Denn wenn deren einer des Herrn Na-men lästerte, (Levit. XXIV. 12.) so ward er ohne Barmherzig-keit gcstcinigct, und die Entschuldigung half ihm nichts, daß ernicht den wahren Gott, den die Vernunft den Menschen lehre,sondern den Aftcrgott gelästert habe, wie die Juden sich ihnbildeten. Und schon hieraus, meine ich, ist zu schlicsscn, daßauch die alte jüdische Religion es in diesem Stücke nicht anderswerde gehalten haben, als sie es alle halten.
3. Was von dem übrigen Znnhaltc der Stelle zu denkenund zu sagen, brauchen meine Leser nicht von mir zu lernen.Aber wie sehr merkt man es ihr an, daß sie vor drcyssig Zäh-ren geschrieben worden! Wie? noch itzt wären der gesundenVernunft alle Wege versperret, Gott nach ihrer Einsicht, untereinem angenommenen Christcnnamen, zu verehren? Freylich,ein dergleichen angenommener Ehristenname, als Ariancr, Soci-niancr, ist vielleicht noch eben so verhaßt, als er es jemals war.Allein, was braucht es auch dieser Namen? Ist der bloßeName Christ nicht wcitläuftig, nicht bezeichnend genug? Sinddie Namen Calvinist und Lutheraner nicht eben so verwerflichgeworden? Weg mit allen diesen Namen, die uns der Einsichteines Einzigen unterwerfen! Wir sind Christen, biblische Chri-sten, vernünftige Christen. Den wollen wir sehen, der unserChristenthum des geringsten Widerspruchs mit der gesunden Ver-nunft überführen kann! Was braucht es noch, die Schriftender Freygeister zu unterdrücken? Heraus damit! Sie könnennichts als den Triumph unserer Religion vermehren. — Daßdieses die Sprache mancher heutigen Theologen ist, wer weißdas nicht? Und allerdings hat diese Sprache das Gute hervor-gebracht, daß neurer Zeit, wenigstens in dem protestantischenDeutschlande, alle bürgerliche Verfolgung gegen Schriften undSchriftsteller unterblieben ist. Eine merkwürdige Erscheinung,von welcher ich wohl wissen mochte, aus welchem Gesichtspunktesie unser Unbekannte betrachtet haben dürste.' Er scheinet der-