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Andreas ScultttuS.
In Augen ist sie nicht, nur immer in den Ohren,
Den Vorzug giebt sie zwar, die (?hre nicht verloren.Aber wie? Erinnern Sie sich wohl, bey einem von unsernneuern Dichtern, die letzte ohne eine Zeile, fast von Wort zuWort bereits gelesen zu haben?
In Augen ist sie nicht, nur immer in den Ohren.Sagt nicht auch Rleist, ebenfalls von der Lerche?
Die Lerche, die im Auge nicht,
Doch immer in den Ohren ist.Sollte es wohl möglich seyn, daß an eben derselben Sachezwey Dichter von selbst eben denselben kleinen Umstand bemerket,und ihn von selbst mit eben denselben Worten ausgedrückthätten? Warum nicht möglich? Besonders, wenn der Umstandso wahr, so einleuchtend ist, und die Worte so ungcsucht sind,als hier. Man sollte sich einbilden, man könne eine Lerchegar nicht hören, ohne anzumerken, daß das Auge, geblendetvon dem Schimmer der frühen Sonne, in welchem sich derSänger badet, schwerlich abnehmen könne, wo der Ton her-komme. Aber gleichwohl ist dieses der Fall hier nicht: sonderndie Wahrheit ist, daß Rleist den gemeinschaftlichen Umstandnicht unmittelbar aus der Natur genommen hat. Zu der Zeitnehmlich, als er das Gcburtslicd verfertigte, in welchem er ihmeinen Platz gegeben, hatte ich das Gluck täglich um ihn zuseyn. Er machte mir öftrer das Vergnügen, ihm Stellen ausmeinem Scultctus vorzusagen, den ich nur im Gedächtnissebey mir führte: und ich hatte es bald weg, daß die Lerche seinLiebling geworden war. Als er mir daher sein Gedicht vorlas,sahe er mich, bey dem Worte Lerche, mit einem Lächeln an,das mir alles voraus sagte. Ich schlug vor Freuden in dieHände. Aber! setzte ich hinzu; ich bin fest entschlossen, überlang oder kurz, meinen Dichter wieder drucken zu lassen. Undalsdcnn? Freylich wird es immer Ehre genug für ihn seyn,wenn ich anführen kann, daß er hier eben der feine Bcmcrkcrgewesen, der — Mit Nichten! siel mir der beste Mann in dasWort. Nur unter der Bedingung, daß Sie mich sodann bloßals seinen Kopisten nennen, will ich mir es indeß erlauben,mir eine fremde Schönheit als meine anrechnen zu lassen. —