176
Humboldt
nur in seinen Beugungen verschiedenen Wortes angeregt. So "wie da-her Feinheit und Lebendigkeit des Sprachsinnes zu festen grammatischenFormen führen, so befördern diese die Anerkennung des Alphabetes,als Lauts, welcher hernach leichter die Erfindung, oder fruchtbarereBenutzung der sichtbaren Zeichen folgt. Denn wo sich ein Alphabetzu einer grammatisch noch unvollkommeneren Sprache gesellt, kannBeugung durch Hinzufügung und Umänderung einzelner Buchslabengebildet, die vorhandene sicherer bewahrt, und die noch halb in Anfü-gung begriffene reiner abgeschieden werden.
Wodurch aber die Buchstabenschrift noch viel wesentlicher, ob-gleich nicht so sichtlich an einzelnen Beschaffenheiten erkennbar, aufdie Sprache wirkt, ist dadurch, dafs sie allein erst die Einsicht in dieGliederung derselben vollendet, und das Gefühl davon allgemeiner ver-breitet. Denn ohne die Unterscheidung, Bestimmung und Bezeichnungder einzelnen Articulationen, werden nicht die Grundtheile des Sprechenserkannt, und der Begriff der Gliederung wird nicht durch die ganzeSprache durchgeführt. Jeden in einem Gegenstande liegenden Begriffaber vollständig durchzuführen, ist überhaupt und überall von der gröfse-sten Wichtigkeit, und noch mehr da, wo der Gegenstand, wie dieSprache, ganz ideal ist, und wo, theils zugleich, theils nach einander,der Instinct handelt, das Gefühl ahndet, der Versland einsieht, und dieVerslandeseinsicht wieder auf das Gefühl, und dieses auf den Instinctberichtigend zurückwirkt. Die Folgen des Mangels davon erstreckensich weit über den unvollendet bleibenden Theil hinaus, bei den Sprachenohne Buchstabenschrift, und ohne sichtbare Spuren eines nach dersel-ben empfundenen Bedürfnisses, nicht blofs auf die richtige und voll-ständige Einsicht in die Arliculation der Laute, sondern über die ganzeArt ihres Baues und ihres Gebrauchs. Die Gliederung ist aber geradedas Wesen der Sprache; es ist nichts in ihr, das nicht Theil und Gan-zes seyn könnte, die Wirkung ihres beständigen Geschäfts beruht aufder Leichtigkeit, Genauigkeit und Uebereinslimmung ihrer Trennungenund Zusammensetzungen. Der Begriff der Gliederung ist ihre logischeFunction, so wie die des Denkens selbst. Wo also, vermöge der Schärfedes Sprachsinnes, in einem Volk die Sprache in ihrer ächten, geistigenund tönenden Eigentümlichkeit empfunden wird, da wird dasselbe