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Die Weiterbildung der Kant'schen Aprioritätslehre bis zur Gegenwart : ein Beitrag zur Geschichte der Erkenntnistheorie / Rudolf Eisler
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die Apriorität der Anschauungsformen sucht Hartmann durchfolgende Einwände zu widerlegen. Nach Kant soll derRaum nicht aus der Erfahrung abstrahiert sein und folglichunabhängig von der Erfahrung, d. h. apriorisch entstehen;dieser Schlufs ist nach Hartmann falsch, denn es giebtkeine ursprüngliche, reine Anschauung, sondern alle reineAnschauung ist nichts anderes als ein Begriff, setzt alsoErfahrung schon voraus. J ) Ebenso ist der Kant'sche Gegen-satz zwischen Materie und Form der Anschauung unbe-gründet; beide sind Produkte der Seele und als solche reinsubjektiv, in ihrer konkreten Bestimmtheit aber von aufsenbedingt. -) Es ist auch nicht wahr, dafs, wie Kant meintsich vom Räume nicht abstrahieren lasse; jeder, der seingeistiges Ich unräumlich denkt, beweist das Gegenteildavon. 3 ) Andererseits giebt es keinen qualitätslosen Raum,da selbst die Anschauung des leeren Gesichtsfeldes einepositive Empfindung (schwarz) ist. Des Weiteren ist zwischenAnschauung und Begriff kein so scharfer Gegensatz, wieKant ihn statuiert, die Anschauung ist selbst nur ein Be-griff von niedrigerer Abstraktionsstufe und nur dem Gradenach vom Begriff unterschieden. 4 ) Ferner rügt Hartmannan Kant, er verwechsele oft den Raum mit dem Räum-lichen; räumlich ist die Anschauungsform, Raum aber diekonstruierte fertige Anschauung. 5 ) Apriorisch kann manalso nur die Räumlichkeit nennen und auch diese nur alsunbewufste synthetische Funktion. 6 ) Der Raum ist nachHartmann eine Synthese aus vielen räumlichen Abstrak-tionen; darum ist er das alles Umfassende, wenn ihm auchals gegebene Gröfse nur potentielle Unendlichkeit zukommt.Raum und Zeit sind nicht nur subjektiv, wie Kant meint,

J ) 1. c. VIII. Ab. S. 143-44.«) 1. c. S ms») 1. c. S. 146.*) 1. c. S. 151.s ) 1. c. S. 153.) I. c. S. 157-58.