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faden für eine kurze, einleitende Darstellung der erkenntnis-theoretischen Grundanschauungen Wundt's dienen.
Auf die Frage, »was soll uns Kant nicht sein«, giebtWundt die Antwort: »Er soll uns nicht sein ein Lebenderunter Lebenden.« 1 ) Die Philosophie hat sich davor zuhüten, Kant zu dogmatisieren, d. h. gewisse Sätze, die erausgesprochen hat, einfach als unangreifbar hinzustellen. SollKant's Bedeutung actuell bleiben, so mufs die Erkenntnis-theorie diejenigen Punkte, die bei Kant nicht sicher gestellterscheinen, von neuem ins Auge fassen. Dem gemäfs er-weist es sich als eine wichtige Aufgabe der Erkenntnis-wissenschaft die logischen Motive nachzuweisen, die zu einerTrennung der Anschauungsformen von dem Stoffe derEmpfindungen führen müssen. 2 ) Gehen wir dieser Unter-suchung nach, so kommen wir zu der Überzeugung, dafs esinsbesondere zwei Arten von Bedingungen sind, die zurAnnahme apriorischer Erkenntniselemente notwendig führen:Die Konstanz der Anschauungsformen gegenüber demwechselnden Empfindungsinhalte, und eine Anzahl logischerMotive. Da Kant vorwiegend die erste dieser Bedingungenberücksichtigt hat, so ergiebt sich die Notwendigkeit, dieseLücke ergänzend auszufüllen. 3 ) In der Ausführung dieserAufgabe glaubt Wundt »in doppelter Beziehung weiter ge-gangen zu sein als Kant.« Erstens herrsche in seiner Er-kenntnistheorie das Bestreben, nachzuweisen, dafs die An-schauungsformen und Verstandesbegriffe nicht, wie Kant meint, dem Bewufstsein ursprünglich gegeben sind, sondernvielmehr den allgemeinen Denkgesetzen gemäfs, sich all-mählich entwickeln, *) um dann ihrerseits auf die Anschauungumbildend zurück zu wirken. Zweitens ist Wundt bemühtgewesen, darzuthun, dais die Erkenntnis nur aus der Er-
') Was soll uns Kant nicht sein? Philosoph. Studien. Bd. 7. S. 7.
2 ) l! c. S. 15.
8 ) 1. c. S. 19.
*) 1. c. S. 29, S. 47-