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gar nicht geeignet, Realität zu schaffen ; Realität ist unmittel-bar vorhanden in der Existenz einer objektiven Welt, undes ist eine wichtige Aufgabe der Erkenntnislehre, die un-mittelbare Erkenntnis des Daseins aller Realität aufser unszu sichern und zu einem begrifflichen Wissen von ihrerExistenzart zu bearbeiten. 1 )
Kant war vollkommen im Rechte, wenn er die Wahr-nehmung in Stoff und Form schied. 2 ) Der fundamentaleFehler aber, den Kant begangen hat, besteht nach Wundt darin, dafs er ohne weiteres von der Voraussetzung ausgeht,das Formale in der Wahrnehmung könne, weil allgemeinund notwendig, nicht vermittelst der Erfahrung gegebensein, sondern müsse, als in uns liegend, als Formen reinesAnschauens und Denkens betrachtet werden. Für dieseBehauptung hat Kant keinen gültigen Beweis erbracht, Dafsdie Sätze der reinen Mathematik und Naturwissenschaftapodiktisch lauten, kann nicht unschwer aus dem Umständeerklärt werden, dafs das Denken gerade an den formalenBestimmungen der Dinge, welche sich durch ihre Constanzund Allgemeinheit auszeichnen, am unmittelbarsten und ein-fachsten in seiner Gesetzmäfsigkeit sich zu bethätigen ver-mag. :i ) Der Satz, dafs jede Erfahrung gewisse Formen alsdie Bedingungen ihres Zustandekommens voraussetzt, behältseine Gültigkeit mit einer gewissen Einschränkung, indemdiese formalen Bedingungen aller einzelnen Erfahrungenselbst einfachste und allgemeinste Erfahrungen sind. 4 ) Da-mit ist eines der Motive, welche Kant veranlafsten, die
1 ) 1. c. S. 103.
2 ) System der Philos. S. 118: »Die formalen Bestandteile desWahrnehmungsinhaites erweisen.sich als unabhängig von dem wech-selnden Stoff der Empfindungen.« S. 202: »Die Scheidung in Formund Inhalt ist nicht ursprünglich, sondern ein Produkt des Denkens.«
3 )Logik I. 1. A. S. 387.4 ) Logik I. 2. A. S. 435 : »Raum und Zeit sind die letzten Resteder einzelnen Wahrnehmungen.«