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denken, so ist kein Grund vorhanden, in der Constanz undNotwendigkeit der Raumanschauung ein Merkmal ihrerApriorität zu erblicken. x ) Vielmehr weist diese Notwendigkeitund Allgemeinheit gerade darauf hin, dafs das Formaleunserer Wahrnehmung nicht nur subjektiv, sondern auchobjektiv begründet ist. Subjektiv sind die Anschauungs-formen nur in dem Mafse, als es eine jede Wahrnehmungüberhaupt ist, da uns die Dinge nicht unabhängig vom Be-wufstsein gegeben sind und sich an allem Gegebenen zu-gleich die allgemeinen Gesetze des Denkens als wirksamerweisen. Psychologisch ist die fertige, ausgebildete Raum-vorstellung als aus einer »psychischen Synthese« hervorge-gangen zu denken, 2 ) indem qualitative Lokalzeichen undintensiv abgestufte Bewegungsempfindungen im Bewufstseineine innige Verbindung eingehen, als deren Resultat —ähnlich wie bei chemischen Prozessen — die ausgebildeteRaumvorstellung als ein neues Gebilde sich darstellt.
Die Thatsache , dafs ein wesentliches Moment der Einzel-wissenschaften sowohl, als auch ihres Abschlusses, der Philo-sophie, in dem Bestreben liegt, den gesamten Empfindungs-inhalt immer mehr in das erkennende Subjekt hinein zuziehen, wird begreiflich, wenn man bedenkt, dafs dieser Inhaltals objektiv existierende Realität betrachtet, zu einer Mengevon Widersprüchen führt, deren Beseitigung die Hauptauf-gabe der Wissenschaft bildet. *) Dies verhält sich aber nichtebenso mit dem formalen Bestandteile der Wahrnehmung;hier ergiebt sich nirgends ein Grund, die räumlichen undzeitlichen Formen aus ihrer objektiven Stellung zu verdrängen.Als ein principielles Gesetz stellt Wundt den durch Erfahrungerhärteten Satz auf, dafs, während eine Veränderung desEmpfindungsinhaltes nicht notwendig von einer Veränderung
') 1. c. S. 452: »In der ausnahmslosen empirischen Gültigkeitder geom. Sätze liegt also ein zureichender Grund ihrer Notwen-digkeit.«
3 ) 1. c. S. 458-59-
3 ) System d. Philos. S. 144, S. 170, 177.