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Die Vorgeschichte des Weltkrieges / von Karl Helfferich
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Keine Festlegung der deutschen Politik

das Deutsche Reich ungeheuren Einsatzes als unbegreiflichbezeichnet; es scheint mir jedoch, daß bei einer solchenKritik nicht genügend gewürdigt wird, daß die deutscheRegierung, indem sie von einer Vereinbarung der Einzel-heiten und der Form des österreichisch - ungarischenVorgehens absah, nicht etwa der Wiener Regierung eineBlankovollmacht ausstellte, sondern im Gegenteil eineFestlegung der deutschen Politik auf die Einzelheitender österreichisch-ungarischen Aktion vermied und sichdamit freie Hand vorbehielt für die Beurteilung dessen,was bei der weiteren Entwicklung der Dinge als not-wendig für die Erhaltung des Bestandes der österreichisch-ungarischen Monarchie anzusehen und von Deutschlandmitzuvertreten sei. Ich erinnere an die Lage im November1912, in der der Deutsche Kaiser in seinem oben an-geführten Telegramm an den Reichskanzler sich zwar nachwie vor bereit erklärte, für das österreichisch-ungarischeLebensinteresse zu marschieren, nicht aber um einerLaune des Verbündeten willen einen Weltkrieg herauf-zubeschwören. Und auch in der Krisis von 1914 hat, wiewir noch sehen werden, die freie Hand, die sich diedeutsche Regierung durch die Vermeidung des Fest-legens der Einzelheiten der österreichisch - ungarischenAktion gewahrt hat , dem Kaiser und dem Reichs-kanzler Gelegenheit gegeben, bei Österreich-Ungarn einEinlenken in Sachen des Ultimatums durchzusetzen,ein Erfolg, der allerdings in seiner Wirkung durch den

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