Englands Wille zum Kriege
nicht zu verhindern und im Krieg gegen Deutschlandeinzugreifen.
Die Nachrichten über diesen Verlauf des letzten Ver-suchs trafen im Laufe des r. August in Berlin ein, währenddort der Kaiser mit seinen ersten Ratgebern über die letzteEntscheidung beriet. Die Rußland und Frankreich ge-stellten Fristen näherten sich ihrem Ablauf, ohne daßAntworten vorlagen. Da schien sich noch einmal ein Licht-blick zu zeigen: ein Telegramm des Fürsten Lichnowsky,Sir Edward Grey habe telephonisch bei ihm anfragen lassen,ob Deutschland, wenn Frankreich neutral bliebe, es nichtangreifen werde. Der Fürst hatte sich für ermächtigtgehalten, zu antworten, er glaube das zusichern zu können,falls England mit Heer und Flotte diese Neutralität garan-tiere. In Berlin wirkte diese neue Friedensaussicht wieeine Befreiung vom stärksten Druck. Aber alsbald folgteein weiteres Telegramm des Fürsten Lichnowsky, das dieneue Aussicht zunichte machte: Sir Edward Grey erklärte,seine telephonische Anfrage sei mißverstanden worden*.
• Die aus Anlaß dieses „Mißverständnisses" von der deutschen Regierung eingenommeneHaltung zeigt, wie fem der deutschen Regierung Angriffsabsichten auf Frankreich lagen.Der französische Minister des Auswärtigen hat das Gegenteil zu beweisen versucht durchdie Veröffentlichung eines Chiffretelegramms, enthaltend eine Instruktion des Reichs,kanzlers an den deutschen Botschafter in Paris, Baron von Schoen, nach der dieser vonFrankreich als Sicherheit für den 'Fall der französischen Neutralitätserklärung die Aus-lieferung der Festungen Toul und Verdun verlangen sollte. Die Instruktion ist nichtpraktisch geworden, da Frankreich die Erklärung seiner Neutralität verweigerte. Hervor-gegangen war sie aus der militärischen Notwendigkeit einer unbedingten Rückendeckungnach Westen für den Fall des Aufmarsches unseres Gesamtheeres gegen Osten. Das „Miß-verständnis" vom i. August hat bewiesen, daß die deutsche Regierung, falls Frankreichüberhaupt zur Neutralität bereit gewesen wäre, sich statt der militärischen Sicherung durchAuslieferung der Grenzfestungen sich mit der diplomatischen Sicherung durch die GpxantieEnglands für die französische Neutralität begnügt hätte.
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