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Vom Eingreifen Amerikas bis zum Zusammenbruch / von Karl Helfferich
Entstehung
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Die Kanzlerschaft des Herrn Michaelis

Das war ehrlich, aber es wurde dem Kanzler, wie häufigim politischen Leben die Ehrlichkeit, von manchen Seitenals Zeichen von Ungewandtheit verdacht. Es mag erstaun-lich erscheinen, daß ein Mann, der über seine mangelndeErfahrung in politischen Dingen sich selbst durchaus imklaren war, den Mut aufbringen konnte, das Reichskanzler-amt in jener schwierigen Zeit zu übernehmen. Ich selbsthabe in jener nächtlichen Besprechung im Reichskanzler-hause, die unmittelbar auf seine Ernennung folgte, eineAndeutung meines Erstaunens nicht unterdrücken können.Herr Michaelis antwortete mir darauf, der Abgang desHerrn von Bethmann werde zweifellos eine starke Ent-spannung herbeiführen und ihm die Arbeit erleichtern;im übrigen vertraue er auf Gott, mit dessen Hilfe er dieAufgabe, zu der er berufen sei, auch bewältigen werde.

Dieses starke Gottvertrauen mag es erklären, daß HerrMichaelis trotz seiner unzureichenden Vertrautheit mitdem großen Felde, auf das er nun gestellt war, von Anfangan eine große Selbständigkeit bei seinen Entschlüssen undeine auffallende Neigung zu Improvisationen entwickelte.

Seine Mitarbeiter mußte er sich zu einem erheblichenTeil neu wählen. Dazu zwang ihn schon das innerpolitischeProgramm, das er am 19. Juli im Reichstag entwickelte.Er sagte damals nach einem kurzen Bekenntnis zu derKöniglichen Botschaft über das gleiche Wahlrecht:

,, Ich halte es für nützlich und für notwendig, daßzwischen den großen Parteien und der Regierung eine

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