Die Kanzlerschaft des Herrn Michaelis
Ministerpostens mit einem Fortschrittler sei einstweilenzurückgestellt, aber nicht aufgegeben; ich solle Staats-şekretär für die besetzten Gebiete und die Friedens-vorbereitungen werden. In diesen Forderungen seienNationalliberale, Fortschrittler, Zentrum und Mehrheits-sozialdemokraten solidarisch.
Am Abend teilte mir Graf Roedern mit, der Kanzlerhabe ihn und Herrn von Kühlmann beauftragt, amnächsten Vormittag den Parteiführern folgende Lösungals endgültig mitzuteilen: Friedberg wird Vizepräsidentdes Preußischen Staatsministeriums; Helfferich bleibtVizekanzler; von Payer wird Staatssekretär ohne Porte-feuille mit der speziellen Aufgabe der Pflege der Beziehungenzwischen Reichsleitung und Parlament. Wenn die Frak-tionsführer sich damit nicht befriedigt erklärten, so solleihnen gesagt werden, daß der Kanzler die Wünsche desParlaments nicht über die sachlichen Erwägungen stellenkönne, die schließlich bei der Besetzung der wichtigstenReichs- und Staatsämter ausschlaggebend bleiben müßten,und daß er unter den obwaltenden Umständen daraufverzichten müsse, jetzt überhaupt irgendwelche Personal-veränderungen dem Kaiser und König vorzuschlagen.Graf Roedern schloß an diese Mitteilung die erneutedringende Bitte, ich möchte von der Einreichung einesAbschiedsgesuchs Abstand nehmen.
Über Nacht jedoch besann sich Graf Hertling einesandern. Am nächsten Morgen ließ er mich zu sich bitten
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