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Vom Eingreifen Amerikas bis zum Zusammenbruch / von Karl Helfferich
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Oberste Heeresleitung und Auswärtiges Amt

Erfahrung war in solchen Lagen die unmittelbare Aus-sprache der einzige Weg zur Einigung; mit mehr oderweniger gereizten Telegrammen verhandelte man sich nurimmer weiter auseinander. Man stimmte mir zu; aberweder der Kanzler, der ohnedies im Lauf der folgendenWoche nach Spa reisen wollte, noch auch Herr von Kühl-mann zeigten Neigung, ihrerseits die notwendige Be-sprechung mit den Herren von der Obersten Heeresleitungzu führen; Herr von Kühlmann meinte resigniert,wenn er einen Vorschlag mache, sei dies für die andereSeite schon ein genügender Grund zur Ablehnung. Unterdiesen Umständen bestand der Kanzler darauf, daß ich zuHindenburg und Ludendorff reisen und eine Einigungversuchen solle.

Dieser Vorgang beleuchtete mir grell die Unhaltbarkeitder Verhältnisse in unserer politischen Leitung: Wir hattenin der schwersten Zeit unserer Geschichte einen Kanzler,der zum mindesten körperlich seinem Amte in keinerWeise mehr gewachsen war und der geistig jedenfallsnicht mehr die Spannkraft besaß, schwierige Fragen auf-zunehmen und durchzukämpfen. Wir hatten einen Staats-sekretär des Auswärtigen, der resigniert den Kampf mitder Obersten Heeresleitung für die von ihm für richtiggehaltene Politik aufgegeben hatte. Die taktisch geschickteBehandlung der Reichstagsparteien, in der Graf HertlingMeister geblieben war, und Kühlmanns wiederholte Bekennt-nisse zu den Ideen der Reichstagsmehrheit täuschten die

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