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Vom Eingreifen Amerikas bis zum Zusammenbruch / von Karl Helfferich
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Lage an der Front

Das sich immer mehr verstärkende Übergewicht unsererFeinde war nicht mehr auszugleichen. Unter dem Druckdieser Erkenntnis, der auch der letzte Mann sich nichtverschließen konnte, und unter den üblen Einwirkungenaus der Heimat, die durch eine mit den raffiniertestenMitteln betriebene Propaganda des Feindes in unserenReihen verstärkt wurden, begann der Geist der Truppe sichgreifbar zu verschlechtern. Die Fälle, daß unsere Leuteauch gegenüber schwachen Angriffen nicht mehr hieltenoder gar kampflos zum Feinde überliefen, hatten sichgemehrt; ja es kam vor, daß den neu eingesetzten Ver-bänden aus den Reihen der zurückflutenden Truppendas böse Wort ,, Streikbrecher" zugerufen wurde.

Gerade in jenen letzten Septembertagen war die mili-tärische Lage in einer akuten Krisis. Der Kampf um dieSiegfriedstellung war auf seinem Höhepunkt: es ging umdie Kanalstellungen, die wir vergeblich vor einem Durch-bruch zu bewahren suchten. Außerdem hatte am 28. Sep-tember die englisch- belgische Offensive in Flandern unsereStellungen um Ypern durchbrochen und damit eine schwereBedrohung für unsere Positionen an der flandrischen Küsteund in der Gegend von Lille geschaffen. Schließlich nötigteuns die Offensive der Franzosen und Amerikaner, unsereStellungen zwischen Reims und der Maas nicht unerheb-lich zurückzunehmen. Die ganze Front, die wir vomHerbst 1914 an bis zum Beginn unserer eigenen Offensiveim Frühjahr 1918 gegen die stärksten Angriffe gehalten

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