42 • Erstes Buch. I. Abschnitt. Die Entwicklungsgeschichte des Geldes.
infolge der politischen Zerspitterung in Italien, während Frankreich und namentlich England früher zu einer Centralisation ihres Münz-wesens gelangten.
Charakteristisch dafür, wie wenig die Staatsgewalt im Mittelalterund teilweise noch während der neueren Zeit die Gestaltung desMünzwesens in der Hand hatte, und wie wenig sie ein geschlossenesMünzsystem zu schaffen und. aufrecht zu erhalten vermochte, ist derUmstand, dafs sich die Neubildungen im Geldwesen, namentlich dasAufkommen neuer Münzsorten und der Übergang vom vorwiegendenGebrauch des einen zu dem des andern Edelmetalls, unabhängigvon der Autorität der einzelnen Regierungen — und zwar meist aufinternationalem Wege — vollzogen.
Das trifft namentlich für die gröfseren Münzsorten zu, die ihrerNatur nach in ihrem Umlaufe und ihrer Wirksamkeit nicht in dem-selben Mafse territorial beschränkt waren, wie das Kleingeld.
Im 10. Jahrhundert breitete sich beispielswiese der Bisant oderBesant, eine byzantinische Goldmünze, die auf den römischen Goldsoliduszurückzuführen ist, über ganz Europa aus bis nach England . Das vor-wiegende Umlaufsmittel blieb jedoch das Silbergeld, dessen Grundtypusder Denar war. Die fortgesetzte Verschlechterung dieses kleinen Silber-geldes führte allmählich dazu, dafs zuerst die Prägung von Grofsmünzenin Silber aufkam, deren Verschlechterung wiederum dazu beigetragenhat-, dafs später sich die Kaufleute immer mehr des Goldgeldes bedienten.Italien hatte in jenen Jahrhunderten die Führung im europäischen Münz-wesen. In Florenz sind wahrscheinlich schon seit 1182 grofse Silberstückeim Wert von 12 Denaren geprägt worden, in Venedig von 1194 an 24-und 26-Denarstticke. Wahrscheinlich sind diese Stücke Nachahmungenorientalischer Silbermünzen gewesen. Wegen ihrer in der damaligenZeit für Europa ungewöhnlichen Gröfse erhielten sie den Namen„Grossi" oder „Grossoni". Sie tauchten dann in Frankreich auf als„gros tournois", in England als „groats" und in Deutschland von etwa1300 an als „Groschen" oder „Dickpfennige".
Aber auch diese grofsen Silbermünzen unterlagen allerwärts starkenVerschlechterungen in Feingehalt und Gewicht, und zwar in deneinzelnen Ländern und den einzelnen Territorien desselben Landes inverschiedenem Mafse. In Florenz ist der Grosso von 1252 bis 1347auf ein Drittel seines ursprünglichen Feingehaltes gesunken.
Diese Verschlechterung des Silbergrofsgeldes war es, welche demAufkommen der Goldmünzen den Boden bereitete. Die ersten Gold-münzen jener Zeit erschienen unter dem Namen „Florenen"; sie wurdennachweislich von 1252 ab, und wahrscheinlich nicht vor diesem Jahre, inFlorenz geprägt, und ihr Name wird in der Regel vom Namen Florenz abgeleitet. Nach Le Blanc findet sich jedoch der Mtinzname Florenus