2. Kapitel. Die Entwicklung der Geldsysteme. § 1.
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Münztypen entwickeln, von denen ein jeder mit seinen Teilstückeneine Gruppe für sich bildet.
Noch deutlicher tritt diese Zersplitterung in einzelne von einanderunabhängige Münzsorten in Erscheinung bei denjenigen Völkern, welchenicht durch den eignen Erfindiingsgeist, sondern durch die Berührungmit höher entwickelten, gemünztes Geld gebrauchenden Nationen dieMünze als Tauschmittel kennen lernen. Bis zum heutigen Tagekönnen wir beobachten, wie bei solchen Völkern sich die Münzen ver-schiedener handeltreibender Nationen zusammenfinden, vielfach solcheMünzsorten, die in ihrem Ursprungslande nicht als Geld dienen, sondernausschliefslicli für den Handel mit fremden, halbcivilisierten Völkerngeprägt werden, wie Maria-Theresia-Thaler, spanische und amerikanischeTrade-Dollars u. s. w. Oft werden solche Münzstücke zu einem Gliededes gewissermafsen naturalen Geldsystems und verrichten ihre Diensteals Tauschmittel neben Rindern, Salz, Kaurimuscheln und anderenTauschgütern. Das Zusammentreffen verschiedener Münzsorten aus ver-schiedenen Ländern führt hier zu einem bunten Gemisch, dem jedeinnere Gliederung und jeder Zusammenhang fehlt.
Nur auf verhältnismäfsig hohen Stufen der wirtschaftlichen undpolitischen Entwicklung und bei einer straffen Centralisation der Staats-gewalt ist es gelungen, in Anlehnung an einen einheitlichen Münztypusaus wenigen Sorten von Ganzstücken, Teilstücken und Vielfachen einharmonisches System zu konstruieren; so wenigstens einigermafsen inder besten Zeit des römischen "Weltreiches und später in vollkommenererWeise in den modernen Staaten der europäischen Kultur.
Für das Verständnis der Entwicklungsgeschichte des modernenGeldwesens ist eine etwas genauere Betrachtung der Geldverfassungdes Mittelalters und der neueren Zeit notwendig.
Das Münzwesen des römischen Kaiserreichs geriet mit dem Nieder-gange des Weltreichs in einen vollständigen Verfall. In den Stürmender Völkerwanderung blieb von der römischen Münzverfassung nichtviel mehr übrig, als die Errungenschaft der geprägten Münze. DasMünzwesen der neu entstehenden staatlichen Gebilde lehnte sicli meistan die überlieferten römischen Münztypen an. Sie gebrauchten west-römisches und oströmisches Geld; daneben schlugen sie auch eigneMünzen nach diesen Vorbildern.
Im Laufe der Zeit bildete sich in den einzelnen Ländern eine un-glaubliche Mannigfaltigkeit von Münzsorten heraus, am meisten ausden bereits erwähnten Gründen dort, wo die geistlichen und AveltlichenTerritorialherren und die Städte sich eine verhältnismäfsig unabhängigeStellung errangen und das Recht der Münzprägung erhielten. Daswar besonders in Deutschland der Fall, wo gegen Ende des Mittel-alters etwa 600 Münzstätten bestanden. Ähnliche Zustände herrschten