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Das Geld / von Karl Helfferich
Entstehung
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2. Kapitel. Die Entwicklung' der Geldsysteme. § 3.

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fahrung gewonnenen Grundsätze, und in Deutschland speciell fehlte esan den politischen Vorbedingungen für eine richtige und konsequenteScheidemünzpolitik. Kein Territorium kann sich in der Ausgabe unter-wertigen Kleingeldes eine wirksame Beschränkung auferlegen, wennes vom Nachbarterritorium jederzeit mit schlechtem Geld überschwemmtwerden kann; ein ausschliefslich eigener Münzumlauf aber ist möglichnur bei einer bestimmten Gröfse und Geschlossenheit des Staatsgebietes.

Von nicht geringerer Wichtigkeit wie die Frage der Eingliederungdes kleinen Geldes in ein Münzsystem war das Problem der Aufrecht-haltung der Vollwichtigkeit des umlaufenden Geldes. Die Prägetechnikspielt auch hier eine Rolle, indem ihre Entwicklung das betrügerischeBefeilen und Beschneiden der Münzstücke immer mehr erschwerte. Inden ersten Jahrhunderten des Mittelalters, als die Prägetechnik eineganz unvollkommene und damit die Gefahr der raschen Verschlechte-rung des umlaufenden Geldes eine ganz besonders starke war, halfman sich in radikaler Weise durch periodische Münzverrufungen undUmprägungen; das ganze cirkulierende Geld wurde aufser Kurs gesetztund mufste dem Münzherrn zur Umprägung eingeliefert werden unterBedingungen, die ihm gestatteten, nicht nur auf seine Kosten zukommen, sondern noch einen Münzgewinn zu machen. Solange inDeutschland die jährlichen Münzverrufungen in Übung waren (bis ins12. Jahrhundert), hielt sich thatsächlich der Denar auf dem gleichenSilbergehalte. Als aber diese Verrufungen, die eine schwere Belastungund Belästigung des Geldverkehrs bedeuteten, aufser Gebrauch kamen,begann die Periode der fortgesetzten Verschlechterung des Geldumlaufs.

Aus der Unvermeidlichkeit der Abnutzung des umlaufenden Geldeshat noch I. G. H oltmann in den ersten Jahrzehnten des 19. Jahr-hunderts den Schlufs gezogen, dafs jeder Münzfufs im Laufe der Zeitsich verschlechtern müsse. Da der Wert des geprägten Geldes sichim ganzen nach dem Durchschnitt des effektiven Metallgehaltes richte,da dieser durchschnittliche Metallgehalt durch die Abnutzung descirkulierenden Geldes i mm er geringer werden müsse, könne der Staatselbst seine vollwertigen Prägungen gar nicht mehr aufrecht erhalten;der Edelmetallpreis müsse entsprechend der Abnutzung des umlaufen-den Geldes soweit steigen, dafs die Prägung vollwichtiger Stücke nurnoch unter Verlust möglich sei; und aufserdem würde ein solchesOpfer vergeblich gebracht werden, denn der überdurchschnittliche Fein-gehalt der neuen vollwichtigen Stücke mache deren Einschmelzung zueinem lohnenden Geschäft für die Edelmetallhändler. Infolgedessenwerde dem Staate nichts anderes übrig bleiben, als den durch dieAbnutzung des umlaufenden Geldes veränderten Stand durch den "Über-gang zu einem leichteren Münzfufse anzuerkennen.

Inzwischen ist es jedoch auch in diesem Punkte gelungen, ein