180 Erstes Buch. IL Abschnitt. Die Gestaltung- der Edelmetallverhältnisse.
Eine Abstofsung von Silbergeld hat in den Staaten der LateinischenMünzunion ebensowenig stattgefunden, wie in den Niederlanden und inden Vereinigten Staaten . Die vorhandenen Fiinffrankenthaler im Betragevon mehreren Milliarden Frs. blieben als Courantgeld im Umlauf. Aberbei der günstigen Zahlungsbilanz Frankreichs hielten sich die Fünf-frankenthaler trotz des Fortschreitens der Silberentwertung auf derihnen beigelegten Goldparität, ebenso wie in Holland die Silberguldenund in Deutschland die Thaler. Seit 1878 konnte eine Vermehrungder französischen Cirkulation nur durch einen Zuflufs von Gold ein-treten, und ein solcher Zuflufs hat thatsächlich in starkem Umfangestattgefunden, sodafs der Betrag des Silbercourantgeldes im Verhältniszum gesamten Münzumlauf immer mehr an Bedeutung verloren hat. —
Mit der gänzlichen Einstellung der Silbercourantprägungen desLateinischen Münzbundes war das Schicksal des Silbers als Münzmetallfür die Länder der europäischen Kultur besiegelt. Selbst in demPapierwährungslande Österreich-Ungarn wendete man sich vomSilber ab, als um die Wende der Jahre 1878 bis 1879 durch den Rück-gang des Silberpreises bei relativ stabilem Kurse des österreichischenPapierguldens das Aufgeld des Silberguldens verschwand und die Aus-prägung von Silbergulden infolgedessen wieder anfing lohnend zu werden.Obwohl die Münzstätten gesetzlich zur Ausprägung von Silber aufprivate Rechnung verpflichtet waren, wurden sie im Frühjahr 1879durch eine Anweisung des Finanzministers beauftragt, kein Silber mehrzur Ausmünzung anzunehmen. Da alle bedeutenden Handelsvölker ihrGeldwesen auf die Basis des Goldes gestellt hatten, konnte für Öster-reich eine Rückkehr zur ursprünglichen Silberwährung nicht mehr inBetracht kommen. — Auch in Rufsland wurde in jener Zeit ausdenselben Gründen während des Fortbestehens der Papierwährung diefreie. Prägbarkeit des Silberrubels aufgehoben. —
So vollzog sich innerhalb weniger Jahre eine tiefgehende Änderungin der internationalen Währungsverfassung. Dem Silber, das währendder 50 er und 60 er Jahre in grofsen Massen nach Asien abgeflossenwar, wurde, als es in den 70er Jahren wieder in den europäischenGeldumlauf einzudringen begann, von einem Staate nach dem andern,selbst von Papierwährungsländern, die Thür verschlossen. LudwigBambebger bezeichnete diesen welthistorischen Vorgang damals treffendals die „Entthronung eines Weltherrschers". Alle bedeutenden Staateneuropäischer Kultur sperrten das Silber, das seit Jahrtausenden gleich-berechtigt mit dem Golde als Geld gedient hatte, von ihren Münzstättenaus; nur Asien, Mexiko und einige mittel- und südamerikanischeStaaten blieben dem Silber noch offen.