6. Kapitel. Die Ausbreitung der Goldwährung und die Silberentwertung. § 2. 185
In den meisten übrigen Staaten, namentlich in denen des LateinischenMünzbundes, gelang es der bimetallistischen Agitation, jeden Schritt,der über die Einstellung der freien Silberprägung hinausging, zu ver-hindern, vor allem jede Abstofsung überflüssiger Silbermengen.
Positive Erfolge erreichte die Silberbewegung in dem Lande, vonwelchem sie eigentlich ihren Ausgang genommen hat, und das durchdie Bedeutung seines Silberbergbaus am meisten an einer Hebung undBefestigung des Silberwertes interessiert war, in den Vereinigten Staaten von Nordamerika . Die sogenannte Blandbill vom 28. Februar 1878 wiesdas Schatzamt an, monatlich 2—4 Mill. Pfd. Sterl. Silber anzukaufenund in Standarddollars mit voller gesetzlicher Zahlungskraft aus-prägen zu lassen. Die Blandbill blieb bis 1890 in Kraft, und währendihrer Wirksamkeit wurden Silbermengen von etwa 9 Mill. kg imWerte von mehr als 300 Mill. Dollars in Standarddollars ausge-prägt. Durch die Shebman-Bill vom 14. Juli 1890 wurden die Silber-ankäufe des Schatzamtes beträchtlich erhöht. Die monatlichen An-käufe wurden auf 4V-2 Millionen Unzen Feinsilber normiert, und gegendieses Silber, das zum gröfsten Teile ungeprägt aufbewahrt werdensollte, hatte das Schatzamt Schatznoten auszugeben. Die Shebman-Bill blieb bis zum Herbst 1893 in Wirksamkeit. Während ihrer drei-jährigen Dauer kaufte das Schatzamt etwa 5 Vi Mill. kg Silber zumPreise von etwa 156 Mill. Dollars an, beträchtlich mehr als ein Drittelder gleichzeitigen Weltproduktion von Silber. —
Alle die geschilderten Verhältnisse, die Abnahme der Goldproduk-tion, die Ungunst der Goldverteilung und die silberfreundliche Be-wegung wirkten zusammen, um von 1879—1893 jede weitere entschei-dende Veränderung der internationalen Währungsverfassung zu Un-gunsten des Silbers zu verhindern. Die Staaten, die im Laufe der70 er Jahre zur Goldwährung oder wenigstens zur Goldvaluta über-gegangen waren, behielten beträchtliche Mengen von Silbercourantgeldzurück; so Deutschland 475 Mill. Mark in Thalern , die hauptsächlichdurch Umprägungen in Reichssilbermünzen allmählich auf 330 Mill.Mark verringert worden sind, so die Lateinische Union etwa 3 MilliardenFrs. in Fünffrankenthalern, so Holland seinen ganzen Courantgulden-bestand. Österreich-Ungarn hat auch nach der Aufhebung der freienSilberprägung im Jahre 1879 noch umfangreiche Silberprägungen aufStaatsrechnung vorgenommen; Spanien hat von 1876 bis 1892 noch640 Mill. Frs. in silbernen Fünfpesetastücken ausgeprägt; in Indienwurden Jahr für Jahr Silberausmiinzungen im Werte von 130—140 Mill.Mark vorgenommen, und dazu kommen schliefslich die enormen Silber-ankäufe und Silberprägungen der Union. Alles in allem sind in denzwei Jahrzehnten 1873 bis 1893 durchschnittlich pro Jahr ganz er-heblich stärkere Silberausmiinzungen vorgenommen worden, als in