194 Erstes Buch. II. Abschnitt. Die Gestaltung der Edelmetallverhältnisse.
namentlich des Zusammenhangs der veränderten Münzgesetzgebungund der Silberentwertung unterbliebe.
Eine weit verbreitete Ansicht geht dahin, dafs ausschliefslich dieÄnderungen der Münzgesetzgebung, welche zuerst in den 70 er Jahrenund später von 1893 an erfolgten, die Entwertung des Silbers hervor-gerufen hätten. Vor allem habe die Aufhebung der französischenDoppelwährung die Entwertung des Silbers überhaupt erst ermög-licht, während die grofse Stabilität des Wertverhältnisses in denersten sieben Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts ausschliefslich der Wirk-samkeit der französischen Doppelwährung zu danken gewesen sei. DenAnstofs zu der verhängnisvollen Entwicklung habe der deutsche Wäh-rungswechsel gegeben, der die übrigen Kulturstaaten gezwungen oderwenigstens veranlafst habe, sich gleichfalls vom Silber abzuwenden. Derdeutsche Währungswechsel selbst wird mitunter als die That eines ver-blendeten Doktrinarismus, als ein Willkürakt aufgefafst, der eben sogut hätte unterbleiben können; und von allem, was dann folgte, sollder Satz gelten: Das eben ist der Fluch der bösen That, dafs sie fort-zeugend Böses mufs gebären.
Ohne weiteres ist zuzugeben, dafs die Beschränkung und die gänz-liche Einstellung der freien Silberprägung in einer grofsen Anzahl vonKulturstaaten eine erhebliche Verkleinerung des Verwendungsgebietesfür Silber bedeutete, die sich namentlich in den 70 er Jahren, vorderBlandbill und vor dem neuen Aufschwünge des indischen Silberbedarfs,fühlbar machen mufste. Auch die spätere enorme Ausdehnung derSilberprägungen in Amerika und Asien vermochte keinen ausreichen-den Ersatz zu bieten für den Wegfall der freien Prägbarkeit in denLändern europäischer Kultur. Wohl wurde der gröfste Teil des neuenSilbers der monetären Verwendung zugeführt; aber das war auf demgegenüber der Zeit vor 1870 geographisch kleineren und an volks-wirtschaftlicher Bedeutung hinter Europa zurückstehenden Gebietenur möglich unter einer beträchtlichen Minderung des Silberwertes.
Anderseits aber haben wir gesehen, dafs gerade der Kiickgangdes Silberpreises der Grund war, der in einer Anzahl von wichtigenLändern, so in den Niederlanden , in den Staaten des LateinischenMünzbundes, in Österreich-Ungarn und später in Indien die Einschrän-kung oder völlige Einstellung der Silberprägung herbeigeführt hat.
Das Verhältnis von Silberentwertung und Münzgesetzgebung istmithin kein einseitiges; die Ausschliefsung des Silbers von den Münz-stätten ist nicht lediglich als Ursache der Silberentwertung hinzunehmen,sondern die Einstellung der Silberprägungen geht selbst vielfach auf dieSilberentwertung als auf ihre wesentlichste Ursache zurück; es liegtmithin eine Wechselwirkung vor. Diese Wechselwirkung mögen die-jenigen, welche die Wandlungen der Münzgesetzgebung als Willkürakte