196 Erstes Buch. II. Abschnitt. Die Gestaltung der Edelmetallverhältnisse.
ausgeführt wurde, lediglich das Instrument, durch welches in unsrermodernen Rechts- und Wirtschaftsordnung der Geldumlauf den An-sprüchen und Bedürfnissen des Verkehrs entsprechend gestaltet wird.Ebenso wie in England im Jahre 1798 durch die Einstellung der freienSilberprägung nicht etwa eine wirkliche Verkehrsnachfrage nach Silberkünstlich beschränkt, sondern wie durch diesen Akt nur eine denlebendigen Verkehrsbedürfnissen widersprechende Verdrängung desGoldumlaufs durch einen Silberumlauf verhindert wurde, — ebensohat die Münzgesetzgebung in den Staaten des europäischen Kontinents,nachdem die Goldfunde die Mittel zu einer den modernen Verkehrs-bedürfnissen besser entsprechenden Gestaltung der Cirkulation gelieferthatten, überall dort eingreifen müssen, wo sich das Gold nicht auto-matisch an Stelle des Silbers setzen konnte, oder wo der einmal ge-wonnene Goldumlauf durch eine spätere gegenteilige Wirkung derMünzverfassung aufs neue durch das Silber bedroht erschien.
Solange der starke indische Silberbedarf der 50 er und 60 er Jahregrofse Silbermengen aus Europa nach Asien führte, vollzog sich fürdie Staaten mit Doppelwährung die Verminderung des Silberumlaufsund die Ausdehnung des Goldumlaufs ganz von selbst. Ein Eingreifender Gesetzgebung war nur insoweit notwendig, als es sich um die Er-haltung der anbedingt notwendigen kleinen Silbermünzen handelte; imgrofsen Ganzen aber wirkte das bimetallistische System in diesem Fallein einer den Wünschen und Bedürfnissen des Verkehrs entsprechendenWeise. Deutschlands Bedürfnis nach einem Goldumlauf dagegen konntenur befriedigt werden durch eine Abschaffung der gesetzlich bestehen-den Silberwährung und den Übergang zur Goldwährung. Auch fürdie Doppelwährungsländer mufste — ganz unabhängig von Deutsch-lands Vorgehen — ein Eingreifen der Gesetzgebung nötig werden,sobald der aufserordentliche Silberbedarf für den Osten nachliefs unddazu noch eine starke Vermehrung der Silberproduktion kam. Mitdem Eintreten dieser Möglichkeiten mufste sich die Frage entscheiden,ob das Silber den Teil seines monetären Absatzgebietes in Europa ,den es an das Gold verloren hatte, wieder würde gewinnen können.
Wie wenig damals ein wirklicher Verkehrsbedarf nach mehr Silberin Europa existierte, das zeigte sich während der 7uer Jahre besondersauffallend in Deutschland , und zwar darin, dafs der deutsche Verkehr,nachdem die Preufsische Bank bezw. Reichsbank die Zahlungen inGold aufgenommen hatte, fortgesetzt grofse Beträge von Silbergeld inAustausch gegen Goldgeld an die Reichsbank abgab. Von Mitte 1875bis Mitte 1879 hat der deutsche Verkehr etwa 735 Mill. Mark Silber-geld an die Reichsbank abgestofsen und etwa 695 Mill. Mark Goldgeldaus der Bank entnommen. Hier, wo der freie Verkehr sich nach seinenwirklichen Bedürfnissen aus dem Metallvorrate der Centraibank ver-