6. Kapitel. Die Ausbreitung der Goldwährung' und die Silberentwertimg. § 4. 203
Doppelwährung bestand, gar nicht eintreten, also auch nicht durch diedeutsche Münzreform hervorgerufen werden konnte.
Auch der Einwand, Frankreich habe sich gegen das von Deutsch-land abgestofsene Silber verteidigen müssen, ist nicht stichhaltig. Denneinmal hat Deutschland mit seiner Silberabstofsung erst im Oktober 1873begonnen, als die Beschränkung der freien Silberprägung in Frankreich und Belgien bereits erfolgt war. Ferner lag für Frankreich und dieübrigen Staaten des Lateinischen Münzbundes nur dann eine Veran-lassung vor, sich gegen das deutsche Silber zu verteidigen, wenn mandas Silber überhaupt nicht wollte, wenn man also zwischen Silber undGold den Unterschied machte, dessen Bestehen die bimetallistischeTheorie nicht gelten lassen will. Wollte aber die französische Münz-union sich das Silber fernhalten und sich ihren Goldumlauf sichern,dann mtifste sie — ganz unabhängig von der deutschen Münzreform— durch das Steigen der Silberproduktion und die Abnahme der in-dischen Silbernachfrage zur Einstellung der freien Silberprägung ge-drängt werden, nur dafs die Notwendigkeit eines solchen Schrittes viel-leicht erst einige Jahre später hervorgetreten wäre.
Nicht nur in Bezug auf das Verhalten der Lateinischen Münzunion,sondern auch in Bezug auf die sämtlichen gegen das Silber gerichtetenAvährungspolitischen Mafsregeln der letzten Jahrzehnte heifst es dasVerhältnis von Ursache und Wirkung umdrehen, wenn man den deutschenWährungswechsel als den Grund für die Einstellung der Silberprägungenin den andern Staaten bezeichnet. Die Währungsfrage war Jahre langvor der deutschen Münzreform vor der internationalen Öffentlichkeitdiskutiert worden; in der ganzen Kulturwelt war das ausgesprocheneBestreben zu Tage getreten, die Goldwährung, wo sie thatsächlichbestand, gesetzlich festzuhalten, und sie einzuführen, wo sie nicht be-stand. Die Umstände fügten es, dafs Deutschland als erster Staat inden Umwandlungsprozefs eintreten und sich dadurch relativ günstigeBedingungen sichern konnte. Dafs die andern Staaten Deutschlands Vorgehen folgten, war mithin lediglich eine Bestätigung der richtigenVoraussicht, auf Grund deren Deutschland sich zur Goldwährung ent-schlossen hatte. Deutschland hat die übrige Kulturwelt nicht vor dieEntscheidung über das Silber gestellt, sondern höchstens die Entschei-dung beschleunigt. Es wurde bei seinem Währungswechsel von den-selben Beweggründen geleitet, wie diejenigen Staaten, die seinemBeispiel folgten; nur dafs jeder Staat, der sich vom Silber abwendete,das Schwergewicht dieser Motive verstärken mufste, indem er das Ver-wendungsgebiet für das Silber einschränkte und dadurch die übrigenStaaten um so mehr dem Andränge des Silbers aussetzte. Solange aberdie Verkehrswelt Silber und Gold als gleichwertig und gleichberechtigtvon monetärem Standpunkte aus ansah, konnte selbst der stärkste