Druckschrift 
Das Geld / von Karl Helfferich
Entstehung
Seite
202
Einzelbild herunterladen
 

202 Erstes Buch. II. Abschnitt. Die Gestaltung der Edelmetallverhältnisse.

Als zu Beginn der 70 er Jahre eine neue Umkehr des Wertver-hältnisses stattfand, war die erste der beiden Vorbedingungen ebenfallsgegeben. Frankreich und die übrigen Länder der Lateinischen Münz-union hatten einen grofsen Vorrat von dem in seinem relativen Wertesteigenden Metall. Unter diesen Verhältnissen war die französischeDoppelwährung an sich abermals im stände, dem Weltmarkte grofseBeträge des im Werte steigenden Goldes zur Verfügung zu stellen,das im Werte sinkende Silber aufzunehmen und dadurch ausgleichendauf die Veränderung des Wertverhältnisses hinzuwirken. Wie langedie französische Doppelwährung gegenüber der gewaltigen Steigerungder Silberproduktion und den andern auf eine Entwertung des Silbershinwirkenden Faktoren im stände gewesen wäre, die Silberentwertunghintan zu halten, ist eine Frage für sich.

Aber die zweite Vorbedingung, welche bei dem Umschwung der50 er Jahre für die Wirksamkeit der französischen Doppelwährunggegeben war, fehlte diesmal. Die Wirksamkeit der Doppelwährunghätte diesmal den Münzbundstaaten nicht einen tauglicheren an Stelleeines weniger tauglichen Geldstoifes, das Gold an Stelle des Silbersgebracht, sondern umgekehrt das Silber an Stelle des Goldes. 1850kostete es Frankreich kein Opfer, sein Doppelwährungssystem aus-gleichend auf die Veränderung des Wertverhältnisses wirken zu lassen;es brachte ihm sogar eine Verbesserung seines eigenen Geldumlaufs.Zu Beginn der 70 er Jahre dagegen hätten die Staaten der LateinischenMünzunion, um ihre Doppelwährung dieselbe Wirkung ausüben zulassen, ihren Goldumlauf aufgeben müssen, und um diesen Preiswaren sie nicht gewillt, sich um die Stabilität des Wertverhältnissesder Edelmetalle verdient zu machen. Münzgesetz und Verkehrsbedürfniskamen hier in Konflikt, und da der Verkehr nicht für die Münzgesetze,sondern die Münzgesetze für den Verkehr da sind, mufste in diesemKonflikt das Verkehrsbedürfnis siegen: die Doppelwährung wurde durchEinstellung der freien Silberprägung beseitigt.

Die Stellung der deutschen Münzreform unter den währungspoli-tischen Mafsregeln jener Zeit und ihr Anteil an der Silberentwertungist dadurch gleichfalls bereits in gewissem Grade aufgeklärt. Die vonbimetallistischer Seite aufgestellte Behauptung, dafs der deutscheWährungswechsel die Ursache der Preisgabe der französischen Doppel-währung gewesen sei, steht im Widerspruch mit der von derselbenSeite vertretenen Ansicht, dafs das Bestehen der französischen Doppel-währung eine Entwertung des Silbers nicht zugelassen haben würde;denn unmöglich werden konnte die Aufrechterhaltung der Doppel-währung nur durch eine starke Abweichung des thatsächlichen vondem gesetzlichen Wertverhältnis, im vorliegenden Falle durch einebeträchtliche Entwertung des Silbers, die ja angeblich, solange die