9. Kapitel. Die internationale Geldverfassung'. § 3.
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vollständige Ersparung der Bargeldsendungen von einem nach demandern Lande durch die Vermittelung des Wechsels bewirkt werden;solange das der Fall ist, besteht ferner keinerlei Grund für eine Ab-weichung des Wechselkurses von der Parität. In der Regel jedochüberwiegen auf der einen oder andern Seite die zu leistenden Zah-lungen, und dann mufs zur Begleichung des Saldos als ultima ratioeine Versendung von Bargeld eintreten. Wenn Deutschland ineinem gegebenen Augenblicke mehr von England zu fordern als anEngland zu zahlen hat, so ist die Folge davon, dafs von deutschen Kaufleuten u. s. w. mehr Wechsel auf England gezogen werden undauf den Markt gebracht werden können, als behufs Zahlungsleistungan England auf dem deutschen Markte gefragt sind und untergebrachtwerden können. Diejenigen, welche nicht im stände sind, ihre Wechselauf England auf dem deutschen Markte abzusetzen, sind genötigt, ihreWechsel nach England zur Einlösung zu schicken und das bareGeld von dort nach Deutschland kommen zu lassen. Wenn umgekehrtin einem gegebenen Zeitpunkte die Forderungen Englands an Deutsch-land überwiegen, dann wird auf dem deutschen Markte die Nachfragenach Wechseln auf England das Angebot an solchen Wechseln über-steigen. Wer nicht im stände ist, sich behufs Zahlungsleistung anEngland einen Wechsel auf England zu beschaffen, sieht sich zur Ver-sendung von Bargeld nach England gezwungen. Um die Kosten derBarsendung u. s. w. zu vermeiden, werden sich im ersteren Falle dieVerkäufer von Wechseln lieber mit einem etwas niedrigeren Kurseals dem der Parität entsprechenden begnügen, und im letzteren Fallewerden sich aus dem gleichen Grunde die Käufer von Wechseln bereitfinden, lieber einen etwas höheren Kurs als den der Parität entsprechen-den zu bezahlen. Die Wechselkurse können mithin sowohl nach auf-wärts als auch nach abwärts sich von der Parität entfernen je nachdem Verhältnis von Angebot und Nachfrage.
Aber diese Schwankungen der Wechselkurse um die Parität habenan ihrer Ursache auch ihre Grenze. Man zahlt allenfalls mehr alsden Parikurs oder giebt sich mit weniger zufrieden, um die Kostender Barsendung u. s. w. zu vermeiden. Sobald aber der Wechselkursso hoch über die Parität gestiegen oder unter die Parität gesunkenist, dafs die Abweichung allen aus der Barzahlung erwachsenden Kostengleichkommt, ist ein weiteres Steigen oder Fallen der Wechselkurseunmöglich, weil eben dann niemand mehr einen Wechsel kaufen oderverkaufen, vielmehr jedermann zur Regulierung in Metallgeld greifenwürde. Die beiden Grenzkurse, bei welchen der Bezug oder die Ver-sendung von Bargeld anfängt lohnend zu werden, nennt man die„Goldpunkte". Neigen sich die Wechselkurse dem Goldpunkte zu,der den Bezug von Gold aus dem Auslande ermöglicht, so spricht man