484 Zweites Buch. IV. Abschnitt. Geldbedarf, Geldversorgung und Geldwert.
Diese Möglichkeit liegt naturgemäfs in einem um so höherenGrade vor, je mehr infolge der Entwicklung des Kreditverkehrs dieZahlungsverpflichtungen sich ausdehnen und die Funktion des Geldesals Erfüllungsmittel für Zahlungsverpflichtungen gegenüber den derEinwirkung der Gesetzgebung entzogenen Funktionen als Mittel derfreiwilligen Übertragung (namentlich als Tauschmittel) an Bedeutunggewinnt, je mehr ferner die staatliche Organisation sich verfeinertund mit ihren Wirkungen die wirtschaftlichen Beziehungen der In-dividuen durchdringt. Aber die geschilderte Möglichkeit ist gleich-wohl auf keiner Entwicklungsstufe von Staat und Volkswirtschafteine unbedingte. Der lebendige Verkehr kann ihr vielmehr die Vor-aussetzungen nehmen, wenn das Geld, das ihm der Staat liefert, seinenBedürfnissen nicht entspricht. Wenn der Staat nicht durch eine klugeHandhabung seines Monopols der Geldherstellung für sein aus einemwertlosen oder geringwertigen Stoffe hergestelltes Geld der Verkehrs-welt dasjenige Vertrauen einzuflöfsen vermag, das dem Gelde mit Sub-stanzwert eben wegen des Wertes seiner auch zu andern Zweckenbrauchbaren Substanz entgegengebracht wird, so kann der Verkehr,wie zahlreiche historische Beispiele lehren, in den neu zu begründendenSchuldverhältnissen Leistungen vereinbaren, welche der Einwirkungdes Staates entzogen sind, er kann sich auf diese Weise ein neuesGeld schaffen. Beispiele dafür sind die Rückkehr des Verkehrs zuEdelmetallbarren an Stelle der geprägten Münzen in Zeiten starkenMifsbrauchs der staatlichen Münzhoheit und der Gebrauch von aus-ländischem Metallgeld in Staaten mit einem sich stark entwertendenPapiergeld; wenn keine neuen Zahlungsverpflichtungen mehr in demstaatlichen Geld eingegangen werden, dann mufs allmählich die Grund-lage schwinden, auf der allein ein Geld ohne Substanzwert denkbar ist.
In dieser Beleuchtung erscheint auf Grund der neuesten Ent-wicklung des Geldwesens und der Geldtheorie das Wertproblem in derschon von Aristoteles aufgeworfenen Frage, ob das Geld „vnuio" oder„cpvaei ist, ob es auf der durch das Gesetz geschaffenen oder der vonNatur gegebenen Ordnung der Dinge beruht.
§ 3. Die Bestimmungsgründe des Geldwertes.
Wir haben im vorigen Paragraphen gesehen, dafs der Wert desGeldes, einerlei ob er ein „Substanzwert" oder ein blofser „Funktions-wert" ist, dieselben Voraussetzungen hat, wie jeder wirtschaftlicheWert überhaupt: die Fähigkeit, einem Bedürfnis zu genügen und dienur unter Opfern mögliche Beschaffung. Es stellt sich nunmehr dieweitere Frage ein, wonach sich die Höhe des Geld wertes bestimmt.
Auch bei der Erörterung dieses neuen Problems mufs daran er-innert werden, dafs wir in der Vorstellung, nach welcher die einzelnen