520 Zweites Buch, IV. Abschnitt. Geldbedarf, Geldversorgung und Geldwert.
Welche Folgerungen ergeben sich aus allen diesen Erscheinungenfür das Verhalten des Geldwertes?
Eine nicht geringe Anzahl von Schriftstellern, darunter solche vongrofser Bedeutung 1 ), waren früher, namentlich in den 80er Jahren,,geneigt, auf Grund der Entwicklung der Grofshandelspreise eine Geld-wertsteigerung in den Goldwährungsländern anzunehmen. Man glaubtedie Bestimmungsgründe der Veränderungen dieser Grofshandelspreise^deren Durchschnittsziffern man mit dem allgemeinen Preisniveau iden-diiizierte, mit aller Sicherheit auf der Seite des Geldes nachweisen zukönnen. Während bis zu den 70 er Jahren in der europäischen Kultur-welt Gold und Silber zusammen als Geldstoffe gedient hatten, wurdeinfolge der fortschreitenden Demonetisation des Silbers der Geldbedarfimmer ausschließlicher auf das Gold angewiesen; dazu kam die Tkat-sache, dafs die Goldproduktion von Ende der 60 er bis zur Mitte der80er Jahre eine merkliche Abnahme zeigte; auf diese Weise soll dieGeld Versorgung des hier in Eede stehenden Wirtschaftsgebiets eineEinschränkung erfahren haben, die zu einer Gold- und Geldverteuerunghabe führen müssen, und an die sich schon eine ausreichende Erklärungfür den allgemeinen Preisrückgang biete.
Diese Beweisführung ist nichts weniger als zwingend. Wenn manzunächst eine Einschränkung der Geldversorgung als Folge der Aus-schliefsung des Silbers von den Münzstätten einer Reihe wichtigerStaaten zugiebt, so ist damit noch keineswegs die Notwendigkeit einerGeldverteuerung bewiesen. Die Steigerung der Edelmetallproduktion,und zwar ganz überwiegend der Goldgewinnung, war seit dem Jahre1848 so stark, dafs schon auf Grund dieser Thatsache für diezwei Jahrzehnte von 1850 bis 1870 die Wahrscheinlichkeit einer Geld-wertverringerung vorliegt; die erhebliche Steigerung der Preise auchderjenigen Waren, deren Produktion und Transport nach dem Marktedamals schon durch die Fortschritte der Technik und die wirksamereGestaltung der Organisation der Unternehmungen erheblich erleichtertwurde, deren Preise mithin bei gleichbleibendem Geldwert hätten sinkenmüssen, läfst sich nur daraus erklären, dafs der „innere Tauschwert" desGeldes damals noch beträchtlich stärker zurückgegangen ist, als der-jenige der grofsen Massengüter. Wenn aber in jenen beiden Jahr-zehnten die überreiche Geldversorgung eine erhebliche Verringerungdes Geldwertes herbeigeführt hat, dann mufste eine Einschränkung derGeldversorgung, wie sie durch die Ausschliefsung des Sil!)ers von denMünzstätten und die Verringerung der Goldproduktion herbeigeführtwurde, nicht unbedingt eine Geldwertsteigerung herbeiführen; dieWirkung dieser Umstände konnte sich vielmehr darauf beschränken,
1) Vergl. namentlich Goschen , On the probable results of an increase in thepurchasing power of gold, 1885; Giffen , Trade depression and low prices, 1885.