12. Kapitel. Der Geldwert. § 8.
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Gegen diese letztere noch offene Möglichkeit spricht zunächst dasVerhalten des Geldes gegenüber den übrigen Verkehrsobjekten. Wirhaben gesehen, dafs die Kaufkraft des Geldes nur gegenüber den Grofs-handelspreisen der Stapelartikel eine entschiedene Abnahme zeigt, dafsaber gegenüber den Kleinhandelspreisen fertiger Produkte eine Ab-nahme nicht mit derselben Sicherheit festzustellen ist, während dieKaufkraft des Geldes gegenüber den Grundstücken und deren Nutz-ungen eher eine Verminderung, gegenüber den persönlichen Arbeits-leistungen sogar eine ausgesprochene Verminderung zeigt. Insonderheitder letztere Punkt ist für die Beurteilung der hier vorliegenden Fragewichtig. Der Arbeiter kann nur dann bei sinkenden Preisen der vonihm hergestellten Waren auf die Dauer einen gleichbleibenden odergar einen höheren Lohn erhalten, wenn er infolge technischer Ver-besserungen der Produktion mit dem gleichen Kapital- und Arbeits-aufwand mehr Waren produziert als bisher; also nur dann, wenn derPreisrückgang der Produkte durch eine entsprechende Vermehrung derProduktion bei gleichem Arbeits- und Kapitalaufwand ausgeglichenwird. Würde dagegen der Preisrückgang der Produkte auf einerSteigerung des Geldwertes beruhen, so bliebe dem Unternehmer nur übrig,auch die Arbeitslöhne entsprechend der Steigerung des Geldwertes herab-zusetzen oder mit Verlust zu arbeiten und schliefslich zu Grunde zugehen. Steigende Arbeitslöhne bei sinkenden Warenpreisen lassen esdeshalb ausgeschlossen erscheinen, dafs der Rückgang der Warenpreisedurch eine Erhöhung des Geldwertes verursacht sein könnte.
Wir können uns jedoch, wenn wir eine tiefer gehende Aufklärungüber die Bestimmungsgründe der Preisveränderungen haben wollennicht mit dieser allgemeinen Erörterung der Ursachen der im grofsenGanzen während der letzten drei Jahrzehnte vorliegenden sinkendenTendenz der Grofshandelspreise begnügen. Diese Tendenz war ebennur im grofsen Ganzen vorhanden, während sie im einzelnencharakteristische Unterbrechungen erfuhr. Die Untersuchung der Ur-sachen dieser periodischen Schwankungen der Preise wird dazu bei-tragen, den Anteil des Geldes an der Preisbewegung weiter aufzuklären.
Wenn man die Zahlenreihen in der auf S. 518 gegebenen Tabelleverfolgt, dann drängt sich für jeden Kenner der Wirtschaftsgeschichtedes letzten halben Jahrhunderts die Wahrnehmung auf, dafs dieSchwankungen der Indexzahlen vollständig mit dem Wechsel der auf-und absteigenden Konjunkturen zusammenfallen. Die Jahre gutenGeschäftsgangs und wachsender Unternehmungslust zeigen erhöhteIndexzahlen, so die Perioden 1852—1857, 1870—1873, 1879—1883,1887—1890,1896—1900. DieZeiten einer rückläufigen Konjunktur weisenniedrige Indexzahlen auf, so die Periode nach 1857, die Jahre 1874—1879,1884 — 1887, 1892—1886, 1901 und 1902. Der Wechsel der Konjunkturen