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wurden aber kostbare Handschriften durch solche „Tinkturen“ schwerbeschädigt.
Die chemischen Reagentien mußten übrigens versagen, wenn derSchriftkörper überhaupt nicht mehr vorhanden war.
Durch freiwerdende Schwefelsäure der alten Vitrioltinten wurdenämlich der Schriftkörper öfters vollständig zersetzt. Glücklicherweiseentstand im Pergament nicht selten an der Stelle der Schrift ein ver-tieftes Relief. Solche Stellen können mit der in der forensischenPhotographie bekannten Schrägeblickaufnahme oder auch mit Durch-leuchten zu Papier gebracht werden.
In anderen Fällen finden sich an der Stelle des SchriftkörpersStrukturveränderungen in Form eines erhabenen Reliefs, welche viel-leicht auf die in der Gerberei bekannten Schwellbrühen zurück-zuführen sind.
Wenn in diesen Fällen die gebräuchlichen photographischenVerfahren versagen, so wird man ebenfalls die Schrägeblick- oder dieUltraviolettaufnahme, wovon später die Rede sein wird, versuchen.
Bei der Rekonstruktion fragmentarischer Buchstaben könnte vorallem die Anwendung des Mikroskops nützlich erscheinen. Der Ver-such verläuft aber gewöhnlich erfolglos, denn das Mikroskop kannkeine erhöhte chromatische Differenzierung schaffen und dehnt daskleine Gesichtsfeld stark aus.
Bevor die hauptsächlichen Grundzüge der Palimpsestphotographieausgeführt werden — eingehende Darlegungen würden den durchVerlagsgründen bestimmten Umfang dieser Schrift überschreiten —,sei darauf hingewiesen, daß die zweite Schrift der Codices rescriptiin umgekehrten Helligkeitswerten, also hell auf dunklem Hintergründewiedergegeben werden kann, daß aber der Schwerpunkt der Palimpsest-photographie natürlich nicht in dieser negativen Wiedergabe derSekundärschrift, sondern in der Sichtbarmachung des ersten Textesliegt. Vgl. die Tafel im Anhang.
Solange die photographische Wiedergabe desselben mit Licht-wirkungen erfolgt, welche innerhalb des sichtbaren Spektrums liegen, 1 )wird das Planum zunächst durch eine zu ihm komplementäre, sehrkräftige Beleuchtung nach der additiven Farbenmischung in den zurPrimärschrift höchst erreichbaren aktinischen Gegensatz gebracht.
Vor das Objektiv kommt ein zur Primärschrift komplementäresFilter. In der Praxis wird man sich an die Grundsätze der subtrak-tiven Farbenmischung halten.
Je nach der Farbe des Planums und der Primärschrift sind Be-leuchtung und Filter zu ändern.
Die obigen Grundsätze behalten dabei, soweit ein erfolgmöglicherFall vorliegt, ihre Allgemeingültigkeit.
>) Da es in der Palimpsestphotographie bisher keine feste Benennungfür diesen Arbeitsgang gegeben hat, so wurde vom Verfasser die BezeichnungFarbendifferenzialverfahren vorgeschlagen.