den todten Buchstaben hoher, als den lebendigen Glaubenund den christlichen Wandel, die werkthätige Liebe.Gegen alle diese Uebel, welche eine trübe Zeit in ihremSchoose geboren, kämpfte Spener mit männlichem Be-wußtsein dessen, was zunächst noth that, in seinemKreise auf praktisch reformatorische Weise an, währender unter dem Titel «Illa tlsmcleria» — (frommeWünsche) der gelehrten Außenwelt ,seine geläutertenAnsichten von einer nothwendigen abermaligen kirchlichenLäuterung an das Herz legte. Christlich apostolischsollte die Kirche wieder werden, das war Spencr'sHauptgrundsatz und seine Hauptforderung, und wie erselbst in seiner eigenen Gemeinde und wo er späterwirksam wurde — durch einfache, erbauliche, verständ-liche und zu Herzen dringende Predigten seinen Zu-hörern den Christussinn in die Herzen strömte, aufVerbesserung des Schulunterrichts drang, die Katechwsationcn durch den Prediger, nicht nur der Kinder,sondern auch der Erwachsenen einführte, so suchte auchdie erwähnte Schrift anzuregen und anfznmahnen, aufdas dogmatische Gezänk zu verzichten, das ohne alleFrucht und ohne allen Segen ist, zu religiöser Bildungdurch alle Lebenskreise aufzufordern, namentlich aufSchulen und Hochschulen — wie sie auch in unsernZeiten wieder gar sehr zu wünschen ist, und überhauptzur Erweckung wahrhaft christlich frommen Sinnesüberall und überall hinzuwirken. Der Erfolg warjener des Säemannes im Evangelium.
Im Jahre 1666 nahm Spener von seiner ihnliebenden Gemeinde zu Straßburg Abschied und dieStelle des ersten Geistlichen zu Frankfurt a. M. an,zugleich wurde er Senior des geistlichen Ministeriumsder freien Reichsstadt und wirkte in dieser Stelle20 Jahre mit edlem Eifer. Da ihm von vielen Seitenher der Vorwurf gemacht wurde, zu Absonderung undScktirerei sich hinzuneigen und zu dieser anzuleiten, soverlegte er selbst die außerkirchlichen erbaulichen Zu-sammenkünfte, die sogenannten LolleZia pistatis, die
sich seit 1670 in seiner Gemeinde ausgebildet hatten,in die Kirche — ohne verhindern zu können, daß durchdieselben späterhin doch das Pietistische Conventikelwesensich begründete.
Spencr's weitverbreiteter Ruhm als des erleuch-tetsten deutschen Theologen seiner Zeit verschaffte ihmim Jahre 1686 die dringende Berufung zum Ober-hofprediger, Consistorialassessor und Beichtvater des Kur-fürsten Johann Georg's zu Sachsen nach Dresden , inwelchem Amte er jedoch nur 5 Jahre blieb, weil der Kur-fürst mindere Neigung zeigte, wie seine großen Ahnherren,der Mahnung eines strengen Bußpredigers Folge zugeben. Spener sah sich veranlaßt, um seine Entlassungeinzukommen, und erhielt alsbald eine Berufung nachBerlin als Inspektor, Propst und Consistorialrath ander Nicolaikirchc, an welcher er noch 14 Jahre treu-eifrig wirkte.
Spener ließ eine große Anzahl Schriften erscheinen;viele nöthigten ihm feindliche Angriffe ab, denn er ver-stand nicht die Kunst, durch unbedingtes Schweigen zusiegen und die zum Theil lieblosen, zum Theil lächer-lichen Beschuldigungen des Socianism, des Arianismund sonstiger Ismen ganz an ihren Ort gestellt seinzu lassen, doch widerlegte er, wenn er sich zur Abwehrherausgefordert sah, mit Ruhe, Würde und Mäßigungalle die heftigen Anschuldigungen seiner Gegner.
Spener war es, der den in der heutigen pro-testantischen Kirche eingeführten Constrmandenunterricht,die in vielen Ländern sogenannte «Frage» begründete,Spener war es, dessen Anregung bei Friedrich I. ,König in Preußen , die Universität Halle ihre Be-gründung verdankte, und es war nur naturgemäß, daßsein Vorbild dort im lebendigen Andenken, wie auch seineLehre, fortwirkend blieb; auf ihn gründete und aufseinen Geist stützte August Hermann Francke den reli-giösen Aufbau ihrer beiderseitigen Ueberzeugung weiter,zur Ehre Gottes und der Menschheit zum Segen.