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Zweihundert deutsche Männer in Bildnissen und Lebensbeschreibungen / hrsg. v. Ludwig Bechstein
Entstehung
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von den Griechen das attische Salz, wodurch späterseine Schriften znr größten Beliebtheit gelangten. ImJahre 1752 ging Wieland nach Zürich zu Bodmer,dessen befreundeter Umgang für ihn ebenso anregendund lehrreich, als läuternd und fordernd war, und woer im Kreise der Schweizerdichter an dem Gegenstrebendieses Kreises gegen die Gottschedische Autorität undSchule einer der wackersten Mitkämpfer war. Vielesschrieb später Wieland und ließ es erscheinen, undmischte in seinen Schriften wahrhaft christliche Frömmig-keit mit heidnischer Weltweisheit, während er in jenerErstling-Periode seines Dichterlebcns und Strcbens nurchristlich orlhodor zu erscheinen suchte und dieß auchinnerlich war, bis seilt Genius mehr und mehr durchdas Studium der Griechen und den Einfluß der Fran-zosen eine mehr koömopolvtischc Richtung gewann undsein Geist ungehemmt und unbefangen auf freierenSchwingen zu den Höhen des Parnaß cmporschwebte.Im Jahre 1751 verließ Wieland Bodmer, gab Unter-richt in einigen Familien höheren Standes, wurde mitdem in Zürich spielenden Schauspieler Ackermann be-kannt und versuchte sich nun auch in ernsten und heiterndramatischen Dichtungen, von denen seine «Lady Jo-hanna Grap» sich lange auf den Bühnen behauptete.In dieser Periode begann Wieland sein Heldengedicht«Cprus» und schrieb die Episode «Araspes und Panthea.»Endlich führte das Geschick den Dichter aus der Sphäreder Kunst und des Poesiehimmels wieder zurück in dieHeimath, wo das unvermeidliche Philistertum in Gestalteines Canzleiverweser-Amtes ihn in die Arme schloß undan die Scholle bannte. Dieß geschah 1760, undWieland wäre der Poesie verloren gegangen, wenn nichtder Reichthum seines Geistes so groß gewesen wäre,dem Amte zu genügen und dennoch den Musen treuzu bleiben. Er wurde der erste Uebersetzer desShakespeare, er führte den großen Brüten in Deutsch-land ein, und in dem die Gunst des Glückes den Dichterin einen Kreis edler und liebenswürdiger Menschenführte, in welchem er die an den kurmainzischen Hof-rath la Röche vcrheirathcte Jugendgeliebte wiederfand,einen Kreis, welchen Graf Stadion belebte und in demsich Wieland völlig heimisch fühlte, erreichte letzterer dieStellung eines feingebilveten Weltmannes, der in gesell-schaftlicher Beziehung, wie in ästhetischer und geistigerdie Welt nahm wie sie war, und das echt natürlicheund naturgemäße dem ungekünstelten und rein ideellenvorzog, welche Richtung seine Schriften jener zweitenEpoche seines DichtcrlebenS wicderspiegcln, vor allemsein «Agathen«, daS lange bewunderte Lieblingsbuchder gebildeten Frauenwelt. Zahlreiche Schriften folgten

dem Agathen, in allen wehte hellenischer Geist, geläu-terter Geschmack, und alles grobsinnliche und gemeinewar ihnen fern. Im Jahr 1765 schloß Wieland einEhebündniß niit einer liebenswürdigen Augsburgerinund nahm 1770 einen Ruf als Professor der Philo-sophie und zugleich als Regierungsrath zu Erfurt an.Wieland hätte vielleicht recht lange das seine gethan,die Universität zu heben, allein er wurde verketzert;den Orthodoren war er viel zu heidnisch, sie nahmenGeist und Form seiner Schriften für Glaubensbekennt-nisse. Wieland bekämpfte seine Gegner nur mit heiternDichtungen, vertiefte sich in die Philosophie und schriebmit großem Freimuth gegen die gesellschaftlichen Ge-brechen der Hofüppigkeit, der Unterdrückung, des Pfaffen-stolzes und der Rechtsverdrehung. Der Coadjutorvon Dalberg empfahl Wieland der Herzogin AnnaAmalia zu S. Weimar, und sie berief den berühmtenMann gern als Erzieher ihrer beiden Söhne CarlAugust und Eonstantin mit einem Gehalt von 1000 Tha-lern und dem Hofrathtitel nach Weimar , wohin nichtminder gern und freudig Wieland folgte. Dort lebte,wirkte und dichtete er nun nach vollendeter Erziehungdes Prinzen in glücklicher Lage und stand als strah-lendes Gestirn am Kunsthimmel des Jlmathen, um dassich allmählig andere Sterne reihten. Höchst bedeutendwar Wieland's schöpferische Thätigkeit; die Titel seinerzahlreichen Schriften allein füllen Seiten. Sein«Oberon», 1780 erschienen, wurde Lieblingsgcdicht derdeutschen Nation. Sein deutscher Merkur einte langeZeit die besten Dichterkräste derselben; sein attischesMuseum wirkte belebend auf klassische Studien ein.Wieland's Leben war vollbeglückt, sein Ehebund reichmit Kindern gesegnet; die Kinder seines Geistes, seineWerke, sah er in Gesammt- und Prachtausgaben vorsich, die ihm den Ankauf des Gutes Osmannstädt beiWeimar ermöglichten. Dort lebte er, von Liebe undFreundschaft auf den Händen getragen, verehrt undgepriesen in ein frohes und schönes Alter sich hinein,und blieb er auch nicht ganz kummerfrei, denn welchemSterblichen wäre das vergönnt? der Tod entriß ihmdie hohe fürstliche Gönnerin, entriß ihm theure Kinder,nahm ihm die geliebte Gattin nach 35jährigcr Ehevon der Seite und nicht minder die Freundin SophieLa Röche, die ihr Asyl in seinem Osmantinm ge-funden, so blieb sein Geist doch bis an sein Endeschaffend regsam und sein Blick in alle Zeiten und Zeit-verhältnisse klar und ungetrübr, bis er im achtzigstenLebensjahre aus dieser Sterblichkeit zur Unsterblichkeiteinging.