— 56 —
Am unklarsten liegen die Zeiten vor uns, welche der Prinzin London verlebt hat. Er trieb sich dort viel in obskurerGesellschaft umher, gerade in einer Zeit, in welcher er fort-während mit seinen Prätendentenplänen schwanger gingund auch so weit schon zum Manne gereift war, daß demBeobachter sein noch nicht vom Vorhang der Majestät ver-hülltes Wesen zugänglich gewesen wäre. Nach dieser Seitehin sollten die Nachforschungen, welche doch jetzt gewißeinen neuen Anlauf uehmen werden, sich vorzugsweise zurichten suchen.
Der Mann, der so lauge Zeit den Psychologen undPolitikern Verlegenheit bereitete, mußte jeden, der einigenGeschmack für solche Aufgaben hat, besonders an Ort undStelle der kaiserlichen Herrlichkeit, immer wieder von neuemzum Nachdenken über das Problematische in seiner Naturreizen. Schon die bloße Begegnung auf offener Straßewirkte wie ein Stimulaus zu Betrachtungen. Die äußereErscheinung hatte etwas schwer zu Fixirendes, wie der innereMensch selbst. Man mochte sich noch so sehr in diesesGesicht einbohren, man drang uicht durch; um den unbe-stimmten, kurzen, weichen Blick des kleinen, laug geschlitzten,gleichsam fliehenden Auges von hellgrauer, u ich ts sagen derSchattiruug zu fassen, hätte man sich eine seine chirurgischeZange gewünscht. Ich habe dieses Gesicht wohl hundert-mal scharf angesehen und oftmals beliebig lange, ich habees nie als Ganzes in meine Vorstellung aufsaugen können.Etwas davon erfahren wir allerdings bei allen Gesichtern,mit denen wir bloß durch das Auge und nicht durch denmündlichen Gedankenanstausch verkehren. Die Züge einesMenschen werden uns aus der Bekanntschaft mit seinemWesen klar, nicht sein Wesen aus der Anschauung seinerZüge. Aber alles in allem trug unleugbar die äußere Er-scheinung das uämliche Gepräge wie die geistigen Leistungen