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2 (1894) Charakteristiken
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derer Herrschaftzu versuchen, dieschließlich auch denUntergangbeschleunigte. In seinem Privatcharakter war Louis Na-poleon sanfteren Regungen entschieden zugänglich' Rachsucht,Bosheit, Grausamkeit lagen seinem Wesen ganz fern; gegendie, welche im Palast oder iu den Staatsgeschäften mitihm zu thun hatten, ließ er sich nie hartes oder über-mütiges Benehmen zu Schulden kommen. Mangel anmoralischem Mut läuft bei solchem Verhalten allerdingsnicht selten mit unter. Es giebt Menschen, die, ohne gütigzu seiu, uiemaudem etwas Unangenehmes ins Gesichtsagen können. So kam es auch hier vor, daß der Kaiserdes Abends noch freundschaftlich mit einem Minister ver-kehrt hatte, welcher des andern Morgens in einem Hcmd-billet die Aufforderung erhielt, seine Entlassung zu ver-langen. Einmal passierte dies sogar dem nützlichen undergebenen Fould.

An allgemeinen Gesichtspunkten hat es dein kaiserlichenRegierungssystem nicht gefehlt- es produzierte deren eherzu viele, denn alles und jedes war mit Dilettantismusund Charlatcmerie vermengt. Bald die Ideen Napoleonsdes Ersten, bald europäische Entwaffnung: bald Entfesselungder Agiotage, bald soziale Arbciterpolitik; bald Nationalität,bald Eroberung; bald Italien , bald Papst so stak indieser Regierung zuletzt immer der Journalist, der fürjegliche Situation seinen Leitartikel zn schmieden bereit ist.Zu kleinen sozialen Experimenten hatte er immer mehrLust als seine Minister; er fand, daß sie alle, sogar Morny,mehrBourgeois" seien als er.-)

Eine ihrer Zeit sür wohl beglaubigt angenommene Anekdoteerzählte, der Kaiser hätte eines Tages im Kreise seiner Vertrautengesagt: ,.An meinem Hofe sieht es sonderbar aus: Die Kaiserin istlegitimistisch gesinnt, Morny orlecmistisch, ich selbst bin eigentlichRepublikaner, nur Pcrsigny ist Vonapartist."

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