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eine so scchr anziehende Kraft auf die Nation ausübte,mag kaum als eine Uuvollkoinmenheit angesehen werdendes war dies jene eigentümliche Mischung des kleinlebigenDaseins mit großen Geistesthaten, welche, wenn mich nichtalles trügt, überhaupt das Abzeichen des deutschen Lebensist; das deutsche Leben, welches gipfelt in der gelehrtenForschung, in dem wissenschaftlichen Denken uud in derHingebung sürs Vaterland, es hat von jeher diesen eigen-tümlichen Charakter an sich getragen, daß große Geistes-thaten vollbracht wurden von Männern, die nichts ver-langten, als dem erhabenen Geist der Wissenschast und desVaterlandes m dienen, ohne dafür einen Anteil an derMacht uud Herrlichkeit der praktischen Welt zu begehren.Dies Gepräge des deutschen Lebens, das vielleicht noch zusehr auch nnserm politischen Leben aufgedrückt ist, dies Ge-präge trug Laster gauz in seinem Wesen. Es hatte etwasRührendes — und dies Rührende gewann ihm die Herzender Menschen — es hatte etwas Rührendes, diesen, wieja heute schon von anderen Rednern gesagt worden ist,kindlich anspruchslosen Menschen bald als einen streitbarenKämpfer in schwerer Rüstung den höchstgestellten und ge-wichtigsten Männern des Staates mutig entgegentreten,und bald wieder in der harmlosesten Form der bescheidenenLebensführung mit seinen Mitbürgern verkehren zu sehen.Dies ist ja noch das Siegel unseres deutschen öffentlichenLebens vielleicht zu sehr, daß das Volk und seine Vertreternoch nicht gelernt haben, sich den praktischen Anteil an derLeitung der Staatsgeschäfte zu vindizieren, der, jedem po-litisch freien Volk gebührt: daß sie zufrieden sind, wenn siedie geistige Arbeit gethan, wenn sie ihr Blut auf demSchlachtfelde gelassen, wenn sie in der Gesetzgebung sich,wie unser hingeschiedener Freund, zu Tode gearbeitet haben-,daß die Ernte an Macht und die Verfügung über den Staat
Ludwig Bmnberger'S Gcs. Schriften. II.
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