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bereitet hatte. Und wie wir wissen, daß im öffentlichenLeben nur mit Undank bezahlt wird, namentlich wenn manmit den Großen der Welt zn thun hat, so ist ihm auchfür diese große Hilfeleistung kein Dank zuteil geworden.Ja, er war, wenn man so will, von uns allen am ehestenein Stückchen von einem Staatssozialisteu. Er hattein seinem konstruktiven Geiste und seinem Gerechtigteitsbe-dürfnis die Vorstelluug, es müsse über die Zufälligkeit desKampfes um Mein und Dein hinaus auch durch die Macht,durch die Weisheit des Staates dafür gesorgt werden, daß,natürlich in vernünftigem und bescheidenem Maße, beiVerteilung der Güter dieser Erde nicht soviel der Zusallwirke, wie es im sreien Verkehr geschieht. Er hatte vielSinn für diese sozialistische Regung der modernen Welt;er war vielleicht der Nächste darin zu den Gedankendes leitenden Staatsmannes, aber vielleicht deshalb warer ihm am wenigsten sympathisch; denn darüber dürsennur uus nicht täuschen, obgleich er selbst eine kurze Zeitin diesem holden Irrtum gelebt han sympathisch war erdem Kanzler niemals, anch in seinen besten Zeiten nicht.Aber ich glaube zu wissen, daß er neben der großen Be-wunderung und Verehrung, die jeder deutsche Patriot demgroßen Staatsmann zollt, noch eine menschliche Em-pfindung hegte, die etwas mehr für die Persönlichkeitübrig hatte, die aber gewiß von jener Seite nicht erwidertwurde. Darin glich er nicht seinem Freunde Twesten, dersehr wohl wußte, worcm er war mit seinem großen Gegner,der ihm eine herzliche Antipathie widmete, weil er ivnßte,auch jener bleibe ihm nichts schuldig. Und damit willich durchaus keineu Mißton in meiue Rede gebracht haben,keine Kritik üben an der menschlichen Seite dieser Ver-hältnisse: denn wer so mächtig die Staatsgeschäfte führt,für den giebt es keine andere Empfindung im Verhältnis