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2 (1894) Charakteristiken
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Kommando in der Fraktion war. Lasker war nicht nurihr Generalstabschef, er war auch ihr Feldwebel, er sorgtefür jeden: der neue Ankömmling konnte versichert sein,unter seine Obhut und seine Flügel genommen zu werden.Wer einen Antrag zu stellen, ein Amendement zu formu-lieren hatte, wer sich zum Wort melden wollte, waudtesich an Lasker. War die Sitzung zu Ende, so konnte mansicher sein, der letzte, der aus dem Hause ging, war Lasker.Ich, der ich in derselben Straßenrichtung wohnte wie er,hatte oft Lust mit ihm heimzugehen; aber zu meinengrößten Geduldsproben gehörte es, wenn ich auf Laskerwarten mußte, bis er fertig war, Audienz zu geben. Erhörte jeden an: wenn er in einer halben Stunde fertigwar, so war das schnell. Wie viele Menschen kamen nichtzu ihm mit allerlei Anliegen! es gab nichts, was er ver-achtete. Wer ihm einen Gedanken, ein Projekt vorschlagenwollte, konnte sicher sein, Gehör zu finden. Er entschiednicht ini voraus, er untersuchte, ob nicht ein KörnchenMöglichkeit in dein, was man bringen wollte, vorhandensei. Er war von einer unerschöpflichen Langmut, auch fürdie schlimmsten Querulanten. Mit diesen außerordentlichenFähigkeiten verband er einen Scharfsinn im Erraten, desTaktes in leitenden politischen Angelegenheiten, der wahr-hast staunenswert war. Zuuächst hatte er ausgezeichneteSinne, was ja auch nicht die Eigenschaft eines unpraktischenMenschen ist; er hatte ein vortreffliches Auge, er kannte, ichglaube, jedes Mitglied des Parlaments dem Gesicht undder Gesinnung nach, und wenn wir vor einer entscheidendenAbstimmung standen, bei der wir mit Herzklopfen warteten,wie es gehen würde, wobei es sich oft um wenige Stimmenhandelte, da hatte er sein Tableau schon gemacht uud be-rechnet, wie jeder stimmen mußte, und selten hat er sichbetrogen. Sie werden mir zugeben: das war kein un-