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2 (1894) Charakteristiken
Entstehung
Seite
111
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III

praktischer Mann, der so die parlamentarische und politischeMaschine zu führen wußte. Er war auch kein Utopist;nur in einem Punkte vielleicht, in seiner Wohlthätigkeit.Man hört manchmal von einem Menschen, der einen großenAufwand in der Lebensführung macht, sagein woher nimmter die Mittel zu solchem Aufwände? Bei Laster konntedavon freilich nicht die Rede sein, aber ich, der ich in seineVerhältnisse hineingeblickt habe, ich habe mich manchmalgefragte woher nimmt er die Mittel für alle seine Wohl-thätigkeit? Für irgend einen Hilfsbedürftigen, wenn einJüngling im Studium, oder weun eine herabgekommeneFamilie zu unterstützen war, immer war Laster unter denen,die sich selbst am höchsten besteuerten. So vom Größtenbis zum Kleinsten war er voller Aufopferung, vollerMenschlichkeit und Hingebung, nnd dies ist anch für ihndas schönste Bewußtsein, der schönste Lohn in seinemLeben für seine Thaten gewesen. Vielleicht hat er iu denletzten Jahre anch der schmerzlichen Gefühle mancherleidurch seine Seele ziehen fühlen wem wäre dies erspartgeblieben?

Unter dem, was ihn drückte,' darf nicht verschwiegenwerden jener eigentümliche Zug, der sich in Deutschland seit einigen Jahren kenntlich gemacht hat, und der, weildie Zeit nicht mehr den Fanatismus des Glaubens verträgt,einen neueu Fanatismus für das Bedürfnis der Fanatikererfunden hat, den Fanatismus der Rasse. Vielleichthat er uuter diesem Uebel mit am meisten gelitten, aber eswäre ein Irrtum, zu glauben, daß es ihn um seiner selbstwillen, um seiner ihm Nächststehcnden willen besonders be-kümmert habe. Wenn er alle diese unschönen Erscheinungenschmerzlich empfunden, so war es, weil er sie empfand alseinen Fleck auf den: Ehrenschilde der ganzen Nation,weil er glaubte, daß die Nation vor sich selbst und noch