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richten. Denkwürdig als Erinnerungszeichen an das Sonstund Jetzt unserer Reichspolitik wird jenes Telegramm desReichskanzlers „Wählt Kapp!" sich erhalten.") Kapp wahr?haftig war derselbe geblieben nach wie vor. Doch heute,in dieser Stunde bittrer Trauer um den hingebendentreuen Sohn des Vaterlandes, sei von dergleichen nicht dieRede! Nur des rein Menschlichen, was in ihm zurhöchsten Blüte gedieheu war, seien wir eingedenk.
Auf ihn paßt der somatische Spruch von der schonen Seelein dem schönen Körper im vollsten Sinne des Wortes. Welcheedle, ritterliche Gestalt, dieser hochgewachsene, blondgelockte,blauäugige Sohn der rothen Erde, der mächtige Kopf aufbreiten Schultern, ein wahrer Göttersohn, ein ewigerJüngling, noch als er hoch in den Fünfzigen stand. DieUngezwungenheit und Frische seines Wesens wollten nicht,daß der Adel seiuer Erscheinung sich nach der Seite der„Distinktion", der Vornehmheit, zuspitze. Ein Zug burschi-koser Führung, wie in der Ausdrucksweise, so in Gangnnd Bewegung, blieb charakteristisch für ihn. ZwanzigJahre amerikanischer Thätigkeit hatten den alten flottenHeidelberger nicht bewältigen können; aber wie fern standdieser Sinn von dem der geschniegelten, studentischen Hoch-tories heutiger Fa?ou! Wie belebt iu bunten Bildern undschnurrigen Bezeichnungen, wie derb offenherzig zuweilensprudelte die Rede, dereu gemäßigt westfälischem, zugleichetwas amerikanisch angehauchtem Tonsall ein leichtes An-stoßen der Zunge noch einen besonderen schalkhasten Reizverlieh! Und welche Güte, welches Wohlwollen strahlteaus diesen Augen! Noch im letzten, sechzigsten seiner Jahre,als schon die perfide Krankheit, die ihn seit lange unter-
*) Als bei einer Stichwahl ein Theil der Wähler den RatBismarcks einholte.