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2 (1894) Charakteristiken
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Gedaukengewebe. Natürlich drängt sich die Frage auf:zu welchem Grad der Vollkommenheit mar er in dieserKunst gelangt? Aber ich verzichte auf die Becmtmortungeinfach ans dem Grunde, iveil ich mir über die Qualitätdes Stils in einer andern als meiner eigenen Sprachekein cndgiltiges Urteil zutraue. Ist es schon schwer genug,unfehlbar über die Korrektheit zu urteilen, so spielt derunreflektirte Tastsinn des Ohrs, welcher mit der Mutter-milch eingesogen wird, die ausschlaggebende Rolle. Amweitesten hatte es Hillcbrcmd ohne Zweisel in dem zuersterlernten Französischen gebracht. Da selbst ein Franzosevom andern nur selten zugiebt, daß er die Sprache tadel-los handhabe, so beweisen mir etliche Vorbehalte, welcheich gelegentlich über Hillebrands Schreibart äußern hörte,nicht viel. Auch ohne zur absoluten Gewißheit über denGrad der erlangten Vollkommenheit vorzudringen, bleibtdie Thatsachc der vierfachen Leistungsfähigkeit staunens-wert genug. Im Deutschen will mir sein Stil reich undwirkungsvoll erscheinen, wozu seine Gedanken, von Naturscharf ausgeprägt und lebhaft, von selbst trieben. SeinPeriodenban ist knapp, wofür ihn der Gebrauch der roma-nische» Sprachen vorbereitet hatte. Gewisse Ungleichheitenje nach der Zeit, die er sich gönnen durfte, hie und daeine wenig störende Wendung aus fremdem Idiomherübergenommen, sind zu bemerken, ohne daß sie zucharakteristischen Fehlern werden.

Ueber den Geist nnd Charakter seiner Muse wäresehr viel zu sagen. Um ihm gerecht zu werden, müßteman das unermeßliche Feld dieser zwanzigjährigen Pro-duktion gemessenen Schritts durchwandern. Nnr einesmuß ich hervorheben, was jedem seiner Leser einen starkenEindruck hinterlassen haben wird. Er fordert zum Wider-spruch heraus. Zwar giebt es zweierlei Arten von Lesern,

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