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Generation ihre Neigungen abgelauscht und dieselben ver-dichtet wiedergegeben, sondern er hat auch aus seinem eigeneninneren Vorrat ein Reis hineingepflanzt und dessen Samenweiter verbreitet.
Ein Mann, dem das geglückt ist, kann verlangen, daßman ihm denjenigen Tribut zolle, welcher der Verbindungvon hervorragender Fähigkeit mit bedeutender Macht ver-ständigerweise nicht versagt werden kann.
Dagegen bleibt jedem das Recht uneingeschränkt, zufragen, ob das, was der andere gewollt und erreicht hat,auch als gut befunden werden soll. Die Entscheidung hängthier vor allem davon ab, ob man mit dem Historiker einiggeht über die Ausgabe, die der Geschichtsschreibung zu stellenist; aber die Lösung ist auch damit noch nicht erschöpft.Der Historiker, welcher nicht nur eine falsche Methodeanwendet, sondern auch mit dieser eine falsche Weltan-schauung verbindet, sündigt doppelt an der Lehre und anden Menschen. Und hier betreten wir im weitesten Umfangdas Reich des Widerspruchs gegen unseren Autor.
Es sind jetzt gerade hundert Jahre, daß Schiller inJena seinen Studenten den einleitenden Vortrag über dieZwecke des Studiums der Universalgeschichte hielt. Weretwa zu der Vermutung hinneigen möchte, hier auf ver-altete Voraussetzungen zu stoßen, wird sich auf den erstenBlick vom Gegenteil überzeugen, wenn er z. B. liest,wie ein guter Teil der eindringlichsten Mahnungen sichgegen die Enge und Niedrigkeit der nur auf das Brot-siudium bedachten Jugend richtet. So alt und neu bleibtdie Welt sich gleich, und ebenso neu und alt klingt zurRichtschnur der Geschichte Schillers Wort an unser Ohr.'„Was hat der Mensch dem Menschen Größeres zu gebenals Wahrheit?"