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Dies ist aber offenbar nicht ganz Treitschkes Meinung.Er deutet es selbst an, z. B. in Anführung einer dazu ver-werteten Stelle aus Niebuhr; und wenn er es auch nichtausdrücklich sagte, sein ganzes Sein und Handeln strotztvon der Ueberzeugung, daß man Geschichte darstellen müsse,nicht um zu erzählen, was gewesen ist, sondern um zu er-zielen, was sein soll. Die Geschichte, wie vielleicht alles,soll nach ihm darauf hinausgehen, die Menschen zu Muster-nienschen zu erziehen. Ob das Muster selbst ein gutes oderschlechtes ist, bleibt einer zweiten Entscheidung vorbehalten;aber es springt in die Augen, daß eine Lehre, welche be-wußter Weise auf solch ein bestimmtes Ziel los geht, keineLehre der Wahrheit sein kann. Wer nur Wahrheit sucht,braucht sich kein anderes Ziel zu setzen.
Zu allen Zeiten ist Geschichte in einem bestimmtenGeist geschrieben worden. Die Ansicht, daß es überhauptkeine wahre Geschichte gebe, weil kein Mensch sich über dievoraus bestimmten Grenzen seiner Anschauung Hinanssetzenkönne, ist zu einer Art von Gemeinplatz geworden.
Wie in allen menschlichen Dingen ist hier die Qualitätvon der Quantität abhängig. Es fragt sich, in welchemMaße der wahrnehmende Sinn von seiner vorgefaßtenMeinung beherrscht ist, ferner wie weit er von derselbenbeherrscht sein will. Aber selbst die stärkst bewußte Tendenzdeckt sich noch nicht mit dein Grundzug des TreitschkeschenWesens; denn dessen Absicht geht sichtbar hinaus über dieRichtigstellung rückwärts liegender Entwickelung zu der Dis-zipliuiruug des Zukünftigen. Die neuste, zur Herrschaft inDeutschland vordriugeude Richtung, das ganze Leben inden Staat zu verlegen, findet hier ihre Anwendung ausdie Unterordnung der Erkenntnis unter das Staatsbeste.
Es ist etwas ganz anderes, ob man die vergangenenDinge aus einem bestimmten Gesichtswinkel ansieht oder ob