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2 (1894) Charakteristiken
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beini Lesen mit Entsetzen erfüllen, Uebrigens entgeht beider Darstellung jener Schandthaten unserem Verfasser eineHauptsache' daß das edleOpser ;u Wahnsiuu oder mindestenszu Hallnziuatiouen getrieben war, ehe mau es mit bar-barischer Mißhandlung in den Tod trieb. Die akteumäßigeDarstellung des sehr loyalen hessischen ObergerichtsratsNöllner, eiu sehr umfangreicher Baud, bezeugt mehr alsder ganze Treitschke, wie berechtigt die Freiheitsbestrebmigenjener Zeit maren.

Wie viel Wahrheit und wie viel Dichtung in dersprichwörtlich gewordenen Lesart von der deutschen Gemüt-lichkeit steckt, sei dahingestellt. Aber gewiß ist, daß diepolitische Misere der Zeit des heiligen römischen Reichs undseines Nachfolgers, des deutschen Bundes, nicht lediglichaus dem Uebersehuß an schöner Gemütlichkeit erklärtwerden tauu.

Gleichwohl ist es iu ueuerer Zeit bei uns immer mehrMode geworden, zu meinen, daß um den Kitt zu Härten,welcher die Fugen des neueu deutschen Reiches zusammeu-halte, die Pflege harter Gesinnung das erste Erfordernissei. So empfahl sich, Haß uud Zoru als staatserhaltendeElemente auszubilden im Gegensatz zu jeuer Weichheit derEmpfindung, die angeblich das Erbübel gewesen war. Mitdem launigeu Uebermut, den wir kennen, läßt sogar irgendwoTreitschke eine, nicht etwa deutsche, souderu die spezifischpreußische Laugmut" als eine von der Weltgeschichte no-torisch festgestellte Erscheinung auftreten!

Zur historischen Begründung einer solchen Methode ließsich natürlich an den Haß und Abscheu zunächst gegen allesFremde anknüpfen, und ist der Kniff einmal gefunden, sogehört wenig Witz dazu, wo immer es dient, auch imeigenen Hause das Fremde zu entdecken.