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2 (1894) Charakteristiken
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Treitschke ist in seiner Weise ein Sprachknnstler. Erbat versucht, im Dienste seiner Tendenz auch ein neuesWort zu schassen, aber man wird nicht sagen können, daßes ihm damit gelungen sei. Der Gedanke ist eben eiu ge-machter uud trägt deu Stempel des Gemachten, wie dasWort selbst'Fremdbrüderlichkeit" heißt es. Der Erfinderbraucht nicht zu sürchten, daß mau es ihm stehle. KeinMensch wird es ihm streitig machen oder nachreden. Ebensofalsch und gemacht ist ja auch die von ihm befolgte Manier,möglichst oft für französisch ivälsch zu schreiben. Wem fällt esdenn ein, in der Unterhaltung oder selbst auf der Reduerbühuedas Wort zu gebrauchen? Eine Darstellung, die sich in so gekün-stelten Formen bewegt, giebt sich selbst das Zeugnis ihrer ge-künstelten Emvsindung. Und diese Künstlichkeit wird hierdaraus zugespitzt, jede Berührung mit fremdem Element alsverächtlich hinzustellen. Nicht zu vergessen! nach historischemSprachgebrauch bedeutet Wälsch zunächst Italienisch vielseltener Französisch. Wälschland wird jeder niit Italien über-setzen. Was würde die loyale Gesinnung heute dazu sagen,wenn einer ihrer Diener den König Humbert von Italien einen wälscheu Fürsten nennte? Mit derFremdbrüderlich-keit", dem abgeschmackten und geschmacklosen Wort, soll derDeutsche abgeschreckt werden von einer falschen Sentimen-talität , die ihn aus lanter mißverstandenem Edelmutedahin gebracht hätte, sein eigenes Land dem Fremdling zuopfern. Gegen seine eigene Schwäche svll er gewarnt undim Verhalten zum Nichtdentschen soll ihm der Gedanke nahegelegt werden, nicht in verderbliche Schwäche zn verfallen.Zu diesem Zweck muß er natürlich sich stets als zu gut,zu treu und zu edel vorkommen! der andere muß ihm alszu schlecht, zu treulos und zu gemein gezeigt werden. -)

*) Ein Freund erzählte mir diesen Sommer, er habe in einemSchweizer Eisenbahnwagen eine Unterhaltung zweier Deutschen mit