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Das System ist mit Konsequenz in diesem neuesten Bandedurchgeführt. Beinahe niemals wird ein fremdes Volkoder ein fremder Staatsmann ermähnt, ohne daß einschmähendes Eigenschaftswort neben dem Namen figurierte.Während die „rechtschaffenen Germanen" den „sittlich feigen"Franzosen gegenübergestellt werden, wird der ganze Wort-schatz der Anglophobie, welchen der beschränkteste fran-zösische Chauvinismus seit hundert Jahren gegen Englandaufwendet, dankbar aufgenommen. Der Geschichtschreiberdes Zollvereins und der in demselben zur Entwicklunggekommenen freien Handelspolitik versagt sich nicht dasarmselige Vergnügen, im Geist jener Verdächtigung zuschreiben, welche während des ersten Wütens der deutschenSchutzzöllnerei sich gegen die internationale Scheinheiligkeitdes perfiden Albions und die auf Korruption ausgehendeBosheit des Cobdenllubs in offiziösen Broschüren erging.
Es ist doch schon schlimm genug uud wird im Grundevon den ehrlichen Leuten aller Länder gleichmäßig beklagt,daß ein Teil der Tagespresse in Deutschland und Frankreich die Verhetzungspolitik treibt. Wie viel schlimmer nnd un-würdiger tritt aber solche Einseitigkeit im Gewände der Ge-schichtschreibnng auf und gar in diesem feierlichen und im-posanten Gewände.
Wie, wenn dies nach dem obersten Gesetz KantischerMoral, daß eines JedenHandlnngsweise die Probe des Vor-bildes für alle Anderen aushalten müsse, die Regel für dieGeschichtschreibung aller Völker und Zeiten würde? wennalle Geschichtschreibung, von diesem sogenannten nationalenGesichtspunkt ausgehend, eine Anklageschrift gegen alle
angehört, deren einer zum andern sagte' „Wir Deutsche sind docheine zn großmütige Nation, daß wir diesen Franzosen erlaubt haben,ihre Ansstcllnng zu machen." Das war sicher ein Schüler unseresMeisters.