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2 (1894) Charakteristiken
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anderen Völker und eine pslichtmäßige Selbstverherrlichuugwürde? Müßte nicht der Unsinn einer solchen Konsequenzsich jedem aufdrängen und die Geschichte zu einem Spott-bild ausarten lassen?

In der Praxis der jüngstvergangenen Zeit wurde dieAufstacheluug gegen das Fremde als Hebel der nationalenPolitik verwandt, uud sie wird als Methode auf die histo-rische Darstellung dadurch übertragen, daß alles, was nichtzum System paßt, als aus der Fremde genommen und alles,was aus der Fremde genommen, als unpassend zn er-scheinen hat. Die Forderung, daß ein Volk sich historischentwickle, wird so zur unhistorischsten allerForderuugen. Demiseitdem es eine Kultur giebt, kounte sich kein Volk aus sichallein entwickeln uud hat sich glücklicherweise keines aus sichallein heraus entwickelt, sondern aus seinem Zusammenhangmit der Welt und in Wechselwirkung mit ihr nnd ihrem ge-sammteu Werden. Von keiner Zeit gilt das mehr als vondem Abschnitte, welcher mit der Unabhängigkeitserklärung dernordamerikanischen Kolonien beginnt. Zwei Elemente tragendiesen Zusammenhang ganz naturgemäß, Inhalt nnd Form.Den Inhalt bilden die von Volk zu Volk wandernden Ge-danken und Empfindungen, die Form drückt sich aus inder Nachbildung der Institutionen. In der VerhöhnungderFremdbrüderlichkeit" wird der Inhalt, in der Ver-höhnung der konstitutionellen Bestrebungen wird hier dieForm verketzert. In der That hat der deutsche Idealismusder Reihe- nach sür die Bastillestürmer (man denke anKlvpstock!), sür die Griechen, sür die Polen geschwärmt.Er hat noch vor einem Vierteljahrhundert dem amerikanischenNorden gegen die Sklavenstaaten beigestanden. Soll derGeist der Völker dieses Zugs beraubt werden? Hat etwadie Königs tr eue ihre Wurzeln in einem andern Boden als indiesem idealen? Kann und soll sie dieselben etwa nach ihrem