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heutigen Tags nicht ganz aufgeräumt haben. Auch derRotteck-Welckerschen Verfassungsseligkcit kann man den Vor-wurf uicht ersparen, der gerade in ihrer Aehnlichkeit mit derPropaganda Treitschkes liegt. Auch jene verfaßten Geschichts-werke und Staatswörterbücher im Geist uud im Dienst einereinseitig ausgeprägten Staatslehre. Aber sie waren dabeimit voller Naivetät an der Arbeit, was Treitschke nicht be-streiten wird. Denn gerade diese Naivetät gewährt ihm denAnhalt zu seiner sarkastischen Behandlung, und er wird ebendeshalb nicht dieselbe Entschuldigung für sich iu Anspruchnehmen. Das Staatslexikon, welches Hermann Wagenerim Dienste der Kreuzzeitungspartei in die Welt entsendete,war gewiß ebenfalls einseitig, aber man wird nicht be-haupten, daß der Mann zu den Naiven gehörte, so weuigwie Treitschke , der mit größerem Jngeniuni und mit größerenMitteln denselben Weg verfolgt. Naive Einseitigkeit kannsich ins Überschwengliches versteigen, welches die Ironieherausfordert; aber gewollter Paroxismus treibt zur Ver-zerrung, welche abstößt. Man wird schwerlich in derRotteck-Welckerschen Litteratur einem Ausspruch begeguenwie dem Seitenhieb, welchen dieser vierte Band einmalgegen den Geist der Berliner Bevölkerung damit zu führenfucht, daß er u. a. ihr verbildetes Wesen aus der frühenBekanntschaft mit ausländischen Affen in den Menagerien,„wo sie sich ihrer eigenen Affenähnlichkeit bewußt werden",und aus ihrer Unbelanutschaft mit deutschen Rinderherdenableitet. Beiläufig gesagt! heute sind in dem Berliner Viehhof wohl mehr deutsche Rinder zusammen, als iu irgendeinem Dorfe Pommerns oder Preußens . Gleichen Kalibersist u. a. der Ausspruch, daß die Rheinländer mit deutscherTreue an ihrer französischen Gesetzgebung hingen. Wardoch diese Anhänglichkeit schon groß, als noch kein halbesMenschenalter der Treue die Zeit des Entstehens gelassen
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