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haben konnte, und sie wurzelte, wie jeder in dieser Atmo-sphäre Großgewordene weiß, in ganz anderen Bewandtnissen.*)
Wer wüßte nicht, wie viel Geschmack, guter uudschlechter, an französischen Dingen in Deutschland geherrschthat und sogar noch herrscht, seit Jahrhunderten bis znrheutigen Bühnen- nnd Romanlitteratur, nicht am wenigstengenährt und gefördert von deutschen Fürsten nnd Adels-geschlechtern. Aber gerade die liberale Bewegung der dreißigerJahre ist weder aus der Schwäche sür das Fremde, nochaus dem Brudersinn für die Fremden hervorgegangen,sondern aus dem inneren Drang der gebildeten deutschenWelt. Der französische Konstitutionalismus der Juli-monarchie war einfach die Formel, welche das europäischeFestlaud sich aus der Uebernahme des englischen Vorbildesnach seinen anders gearteten Grundlagen znrecht gelegt hatte,und in dieser Form ergriff der neue Geist alle westlichenNationen, den südwestlichen Teil Deutschlands nm so mehr,als er iu seiuer eigenen Geschichte gar keinen Anhalt füreinen Umschwung in neue Wege vorsand. Denn daß diealtwürttembergische Stände- und Schreiberopposition nichtdazu gemacht war, hat die Erfahrung gelehrt und giebtauch Treitschke zu.
Was an diesem rationalistischen Verfassungsdoktrinaris-mus iu allen seineu Spielarten gut oder schlecht war, kanneine offene Frage bleiben und ist in einem gewissem Maßenoch heute eine ungelöste Frage. Die gebildeten Klassendes westlichen Europas hatten gar keinen anderen Weg alsdurch diese Evolution, denn nur diese bot ihnen die Geschichtedar. Das sollte ein Historiker, wenn er nicht Pamphletistsein will, nicht verkennen, d. h. verspotten. Wenn die Libe-
Ich selbst habe schon vor dreißig Jahren eine Studie darübergeliefert, „Die Französelci am Rhein , wie sie kam und wie sie ging"(Demokratische Studien, Hamburg 1861).