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2 (1894) Charakteristiken
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welches vom jungen Deutschland und der philosophischenRichtung seiner Zeit handelt. Strauß muß hier als dervornehmste Repräsentant einer Weltanschauung herhalten,welche zu dem System Treitschke nicht paßt und deshalbwie alles, was ihm uicht paßt, als undeutsch der Ver-dammnis überliefert wird. Ziegler bemerkt selbst mit Recht,-daß über Treitschkes eigener philosophischer Ueberzeugungein uicht leicht zu durchdringender Schleier ruht. Es kommtanch bei ihm weniger als bei irgend einem anderen Denkerdarauf an, diesen Schleier zu lüfteu. Denn nach seinerganzen Absicht lehrt er weniger um zu sagen, wie die Dingesind, als um dahin zu wirken, wie sie werden sollen. Diefurchtlose Kritik, welche gerade der hervorstechende Zug derdeutschen Philosophie ist, paßt daher am allerwenigsten insein System, und sie hindert ihn am meisten, wo sie, wiein der neuhcgelschen Zeit, sich ins litterarische und politischeLeben hinüberspielte, oder da, wo sie, wie in dem letztengrößeren Werk von Strauß den theoretischen Versuch machte,eine Brücke zum Leben hinüber zu schlagen. Den Engländernspricht Treitschke an einer Stelle den spekulativen Sinn ab.Man kann das, Wiesedes schlechthinabsprechendeUrteil,dahin-gestellt sein lassen; aber soviel kann man ihm gerne zugeben,daß unter den neueren keine Nation mehr die Begabung zurspekulativen Vertiesuug gezeigt hat, als die deutsche. Daherist auch die von dieser deutschen Philosophie seit Kant ent-wickelte Kritik wirksamer als alle vorausgegangene undgleichzeitige gewesen. Die Deutschen haben eben wegender ernsten Vertiefung in die Abstraktion, zu der sie ver-anlagt siud, die glaubensfreiste Bildung der modernen Welt.Alle Kuuststückchen, an Goethe herumzudeuteln, um ihn fürfromme Zwecke auszustaffieren, scheitern an zahllosen posi-tiven Aeußerungen seiner Poesie und Prosa in Schrist undLeben; und es giebt, ihn inbegriffen, in keinem Volk eine