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klassische Litteramr, welche so ganz auf dem Boden der-geistigen Freiheit steht, wie die deutsche. Desgleichen hatkeine Nation unter den neueren eine so stattliche Folgen-reihe philosophischer Schulen, die ganz auf dein unabhängi-gen Denken beruhen. Was siud Schuleu, was sind Systeme?Das Wichtigste ist die inuere Freiheit, uud diese ist dasCharakteristische uud das Bleibende an allen Schulen, dievon Kant bis Schopenhauer einander abgelöst nnd aucheinander befehdet hcibeu. Der „französische Atheismus",mit dem Treitschte Schreckeu erregen will, ist dauebeu uureiue Bogelscheuche. Er hat nicht einmal in der Zeit seinergrößten Macht die ganze Eneyklopädistengescllschaft be-herrscht. Es wird wohl fchwerlich. je gelingen, der ge-bildeten deutschen Gesellschaft die englische Kirchlichkeit mitchrem Oant oder die Verbindung von Voltairiauismus mitt'atholisireudem Ooinrns-il-kaut, beizubringen. Darin habennur ^um Glück die Vorzüge unserer Fehler. Auch Treitschte,so sehr er das Bedürfnis fühlen mag, kennt doch seineDeutschen zn gm, um nach der positiven Seite hin starkins Zeug ;u gehen. Einige lhevsophische und mystischeAndeutungen sind hie und da eingestreut. So z. B. heißtes eben von Strauß, als dem scharfsiuuigen Theologen,der vom Wesen der Religion keine Ahnung gehabt habe!„er begriff auch niemals, daß die Idee des Gottmenschenin einem eingeborenen, unausrottbaren Drange unsererSeele wurzelt und also eine Forderung der praktischenVernunft ist."
Wenn Treitschke recht hat, und darin hat er einmalrecht, daß die ganze geistige Bewegung des jnngen Deutsch-land sich vor allem auf deu Einfluß der Juughegeliauer,mrückführen läßt, so bleibt hier wenigstens kein Raum fürden Vorwurf der Nachahmung der Ausläuder uud für die„Fremdbrüderlichkeit." Weder Hegel uoch seine Schüler