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wird wohl die Frage offen lassen dürfen, wer nach fünfzigJahren noch die Werke Heinrichs v. Treitschkc lesen wird.Aber Heine lebt - noch so sehr, daß noch heute, fünfzigJahre nach seiner Glanzzeit, die größten Anstrengungengemacht werden, nm die Errichtung seines Denkmals zubekämpfen.
Es ist abzuwarten, ob Treitschke im folgenden Bandedazu kommen wird, die politische Wendung der Jahre 1866und 1870 von den Ereignissen des Jahres 1848 gänzlichloszulösen nnd damit selbst die Aktion Bismarcks in ihremAnknüpfungspunkt zu verleugnen. Wer das aber nichtfertig bringt, wird zugeben, daß ein erster Anlauf zu einemgroßen, politisch zivilisierten Deutschland ohne eine un-mittelbar vorausgegangene philosophische und literarischeGahrnng gar nicht denkbar war. Daraus erklärt sich,warum die Professoren- und Litteratenivelt so stark imFrankfurter Parlament vertreten war, daß sie ihm, auchzu seinem Unglück, ihr Gepräge gab.
Wenn man noch in Betracht zieht, daß zwischen derPeriode klassischen Stilllebens und der des jungen Deutsch-land eine Zeit der Romantik fällt, welche aus der Stilleiu die Dämmerung geführt hatte, so springt erst rechtdeutlich in die Augen, daß die Anregung, welche von denNeuhegelianern, von Arnold Rüge, Ludwig Feuerbach,Bruno und Edgar Bauer u. a. ausging, die Zensurkämpseder Halleschen Jahrbücher und des Leipziger Litteraten-stammes den Sauerteig zur späteren Umgestaltung Deutsch-lands geliefert haben.
Aber auch das soll alles nur äußere fremde Machesein. Was zur Herabwürdigung der kleinen Verfassungs-kämpfe noch neben den Franzosen fehlte, die unentbehrlichenJuden, hier finden sie sich. Zwar mit aller Anstrengungkann Treitschke im Verlaus eiues ganzen Menschenalters